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In der Komfortzone

  • 07.04.2015

Laufschuhe – Sie ist zur Gretchenfrage in der Laufschuhbranche geworden: Die Ansicht, wie viel oder wie wenig Dämpfung, wie viel oder wie wenig Stütze ein Läufer braucht, damit er gesund läuft. Verunsicherung herrscht mancherorts darüber, an welchen Parametern sich die Beratung denn nun orientieren soll: An den klassischen biomechanischen Markern? Oder einfach am Komfort? spomo hat Experten aus Biomechanik und Sportmedizin um ihre Einschätzung gebeten und die Laufschuhphilosophien miteinander verglichen

Matthias Marquardt
Gert-Peter Brüggemann

Der Laufschuhmarkt gibt eine ordentliche Schlagzahl vor: Seit 2014 sind 677 neue Laufschuh-Modelle von 38 internationalen Laufschuhherstellern auf den deutschen Markt gekommen, wie das Laufmagazin „Runner’s World“ kürzlich ermittelt hat. Schuhe mit und ohne Stütz- und Stabilisierungsfunktion, Schuh mit hoher oder niedriger Torsionsfähigkeit, Schuhe mit hoher Sprengung, Schuhe mit niedriger Sprengung, Schuhe mit viel oder wenig Dämpfung. Schuhe mit reichlich, wenigen oder fast gar keinen Funktionssystemen. Da kann man als Kunde schon mal den Durchblick verlieren. Für Händler auf der Fläche gilt es dann, Beratungskompetenz zu zeigen und im Marken- und Modelldickicht kühlen Kopf zu bewahren bei der alles entscheidenden Frage: Welchen hätten Sie denn gern? Zugegeben: kein leichtes Unterfangen. Branchenkenner sagen sogar: Die Laufschuhberatung ist die Königsdisziplin im Fachhandel. Sportmediziner Matthias Marquardt schreibt in seiner Publikation „Das große Laufschuhbuch“: „Die perfekte Laufschuhberatung verlangt eigentlich schon medizinisches Know-how.“

Um eine Antwort auf die Frage nach dem „individuell am besten geeigneten Laufschuh“ zu finden, beschäftigen sich Biomechaniker seit Jahren mit der Frage, bei welchen Körperteilen und Bewegungsabläufen die Hauptursachen für etwaige Läuferbeschwerden liegen und welche Rolle Laufschuhe bei der Vermeidung, aber auch Entstehung von Läuferverletzungen wie Gelenkschmerzen, Hüft- oder Kniebeschwerden, Überlastungen an der Fußsohle oder der Achillessehne spielen könnten.

 

Das Knie steht mit über 40 Prozent der Laufverletzungen und Laufbeschwerden absolut im Vordergrund.

                                     Gert-Peter Brüggemann, DSHS Köln

 

Was ein Laufschuh im Sinne der Verletzungsprophylaxe tatsächlich leisten muss, daran scheiden sich allerdings die Geister. Zwar herrscht Einigkeit darüber, dass die Passform stimmen muss. Auch darüber, dass der Läufer sich in seinem Schuh unbedingt wohlfühlen muss. Natürlich auch, dass der Schuh dem Untergrund entsprechen muss. Aber wie sehr darf der Schuh nun bitte mithilfe verschiedener Funktionssystemen in das „natürliche Bewegungsmuster“ eines Menschen eingreifen? Soll er nun Stoßkräfte beim Laufen verhindern oder zulassen? Soll er starke Pronierer korrigieren oder die natürliche Einwärtsdrehung des Sprunggelenks zulassen?

Laufen lassen statt korrigieren

Prof. Dr. Benno Nigg ist Professor für Biomechanik an der University of Calgary. Der Schweizer Wissenschaftler forscht seit 1981 an der kanadischen Universität. Für ihn spielt der „falsche“ oder „richtige“ Laufschuh eine durchaus gewichtige Rolle bei Läuferverletzungen: „Es gibt eine publizierte Studie zu dieser Frage. In dieser Publikation war der Unterschied zwischen zwei Laufschuhen ungefähr 200 Prozent“, erläutert Nigg.  Die altbekannte Kategorisierung von Laufschuhen, die sich insbesondere am Pronations-, ­Aufsatz- und Abrollverhalten des Fußes orientiert, sind für Nigg allerdings überholt. Mehr noch. Kürzlich sagte er in einem Interview sinngemäß: Das Thema Pronation ist tot.

Laut Nigg gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass eine extreme Pronation beim Laufen im Zusammenhang mit einer erhöhten Verletzungshäufigkeit steht. Und verweist dabei sogar auf Erkenntnisse, „dass eine pronierte Position des Fußes von sieben bis zehn Grad signifikant weniger Verletzungen hat als alle anderen Fußstellungen.“ Auch bezüglich der Annahme, dass die Fersendämpfung einen Einfluss auf die Verletzungshäufigkeit haben könnte, winkt Nigg ab. Allerdings schränkt der Forscher ein, dass die angeführten Studien eine zu kleine Versuchspersonenzahl aufweisen und die Resultate entsprechend nicht valide seien. Für Benno Nigg ist nach vielen Jahren Forschungstätigkeit inzwischen Komfort das Hauptkriterium beim Laufschuhkauf: „Ein Laufschuh ist dann individuell geeignet, wenn er komfortabel ist und den Läufer in seinem bevorzugten Bewegungsmuster laufen lässt. Die Idee, dass ein Laufschuh ‚falsche Bewegungsmuster’ korrigieren muss, hat sich nicht bestätigt“, befindet der Schweizer. Wie Komfort zu messen ist und in der Laufschuhberatung – jenseits des subjektiven Empfindens des Kunden – ermittelt werden kann, das lässt er bis dato aber offen.

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