Interview 13.10.2020, 09:15 Uhr

"Skisport kann in Coronazeiten eine Vorreiterrolle einnehmen"

Wie funktioniert Skibuisness in Zeiten von Covid-19? Stefan Schwarzbach, Geschäftsführer der DSV Marketing GmbH und Mitglied des DSV Vorstands über die Herausforderungen der Corona-Skisaison 2020/21. 
Stefan Schwarzbach ist seit über 20 Jahren in verschiedenen Funktionen im deutschen Skiverband tätig. Seit 2012 ist er Geschäftsführer der DSV Marketing GmbH und Mitglied des DSV Vorstands
(Quelle: DSV)
Herr Schwarzbach, Covid-19 hat im März für ein jähes Ende der Skisaison gesorgt. Wie stark hat der Lockdown den DSV getroffen? Uns ging es ähnlich wie den meisten anderen Sportverbänden, Kultur-Einrichtungen oder Messebetreibern. Auch uns hat der Lockdown mehr oder weniger eiskalt erwischt. Wirtschaftlich sind wir aber noch mit einem halbwegs blauen Auge davon gekommen, weil die für uns so wichtigen Weltcup-Veranstaltungen in Deutschland zu diesem Zeitpunkt nicht mehr betroffen waren. Aber natürlich mussten auch wir von einem Tag auf den anderen improvisieren und unsere gesamten Planungen umstellen. Sowohl im Spitzenbereich als auch im Lehrwesen und Breitensport. Nahezu alle geplanten Lehrgangs- und Ausbildungsmaßnahmen, sowie zahlreiche Veranstaltungen und Events mussten abgesagt oder verschoben werden. Das waren teilweise harte Entscheidungen. Alles in allem waren die Einbußen und Einschränkungen aber zu verkraften. Was jetzt zählt, ist die kommende Wintersaison. Darauf konzentrieren wir unsere gesamten Anstrengungen. Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, unseren Spitzenathleten und den vielen Millionen Freizeitsportlern die notwendigen Rahmenbedingungen für Wettkampf, Training und Hobby zu schaffen. Das wird unter den gegebenen Umständen sicher nicht einfach werden. Aber im Vergleich mit anderen Disziplinen und Freizeitaktivitäten sind die Voraussetzungen für den Ski- und Wintersport, was Abstand- und Hygienemaßnahmen betrifft, durchaus günstig. Insofern bin ich optimistisch, dass wir diese ganz spezielle Herausforderung erfolgreich meistern.
Womit wir in der nächsten Wintersaison praktisch angekommen sind. Stefan Herzog, Generalsekretär Verband Deutscher Sportfachhandel, kurz vds, sieht – bezogen auf den Handel – die kommende Wintersaison als großes Lotteriespiel. Wie stellt sich der DSV dieser Mammutaufgabe im Corona-Winter 2020/21? Ganz so fatalistisch würde ich es nicht sehen. Aber klar: Die kommende Wintersaison ist für uns als Verband eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Wobei wir im Wintersport seit jeher mit Unwägbarkeiten rechnen müssen. Die große Frage lautet ja immer: Kommt der Schnee? Und und wenn ja: wann und wie viel? Insofern ist es für uns keine gänzlich ungewohnte Situation, dass wir gegebenenfalls kurzfristig und flexibel reagieren müssen. Im kommenden Winter werden wir es allerdings noch mit einigen weiteren Variablen zu tun haben. Die Situation ändert sich ja von Woche zu Woche. Das heißt, wir müssen uns so gut es geht auf alle Eventualitäten vorbereiten und für möglichst alle denkbaren Szenarien konkrete Lösungsansätze erstellen. 

Wie sehen diese Lösungen aus, bzw. wie wird daran gearbeitet? Kirchturmdenken und Einzellösungen werden uns nicht weiterhelfen. Um der Krise erfolgreich die Stirn zu bieten, brauchen wir einen engen Schulterschluss und das gesamte Knowhow aus möglichst vielen unterschiedlichen Bereichen. Wir stehen deshalb seit Beginn der Pandemie im kontinuierlichen Austausch mit unseren Partnern und den meisten Stakeholdern der Wintersportbranche. Letztendlich geht es allen ähnlich. Die Krise beschränkt sich ja nicht auf einzelne Bereiche oder Jahreszeiten. Vor allem wenn es um die Planung und Durchführung von Veranstaltungen geht, sind die Aufgabenstellungen, mit denen wir es zu tun haben, zu einem hohen Prozentsatz deckungsgleich. Unser ausdrücklicher Dank geht in diesem Zusammenhang an den DOSB, der unsere Idee aufgegriffen und eine Sportart übergreifende Arbeitsgruppe initiiert hat. Unser gemeinsames Ziel ist es, übergreifende Leitplanken und ein allgemeines Hygiene-Rahmenkonzeptes für Sportveranstaltungen zu entwickeln, auf dessen Basis die notwendigen sportartspezifischen Anpassungen vorgenommen werden können. Als Dienstleister wurde die Agentur APA Brands Events Solutions beauftragt, die bereits für das Konzept der Deutschen Fußball Liga verantwortlich zeichnete. Gleichzeitig ist für die einzelnen Konzeptmodule eine Prüfung bzw. Zertifizierung durch den TÜV Rheinland angedacht. Für uns als Skiverband und ich denke auch für die anderen Verbände ist dieser Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch enorm wertvoll. Davon profitierten alle. Und zwar vom absoluten Spitzenbereich bis zur Basis in den jeweiligen Sportarten. Das ist uns ganz wichtig. Einfache Lösungen im schwarz-weiß-Modus, wie wir es uns vielleicht wünschen würden, wird es nicht geben. Stattdessen sind wir angehalten, immer wieder zu prüfen, neu zu justieren und auf Veränderungen zu reagieren. Allein schon aufgrund der teilweise völlig unterschiedlichen Vorgaben in den einzelnen Bundesländern. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass wir zu Lösungen finden, die sich nicht nur gut auf dem Konzeptpapier lesen lassen, sondern auch praxistauglich sind. Blinder Aktionismus hilft uns nicht weiter. Was wir brauchen sind intelligente Ansätze, die für uns als Verband auch umsetzbar und finanzierbar sind.  

Kann ich davon ausgehen, dass dieses Regelwerk, für alle Sportveranstaltungen in Deutschland in kommender Zeit maßgeblich herangezogen wird und eventuell auch für die Skigebiete? Ich gehe davon aus, dass das Rahmenkonzept eine sehr gute Grundlage und Orientierungshilfe für alle Verbände und Organisatoren sein wird. Ob wir in diesem Zusammenhang für die Hygienekonzepten der Skigebiete, der richtige Ansprechpartner sind, würde ich eher in Frage stellen, auch wenn sich bestimmte Module sicherlich adaptieren lassen. Wir planen allerdings seitens des DSV rechtzeitig vor dem Beginn der Skisaison, eine Ergänzung der bekannten FIS-Verhaltensregeln für die Pisten- und Loipenbenutzern zu erarbeiten. Schlussendlich kommt es auf jeden Einzelnen an. Auch das beste Hygienekonzept stößt an seine Grenzen, wenn wir als einzelne Wintersportler nicht in einem gewissen Maße verantwortungsbewusst und eigenverantwortlich unser Verhalten anpassen. Gleichzeitig haben wir aus dem Haus des Ski heraus bereits Leitlinien definiert, die einen geregelten Lehrgangs-, Ausbildungs- und Trainingsbetrieb absichern. Im Rahmen dieser ganzen Leitlinien müssen wir uns natürlich auch mit den regionalen und lokalen Partnern wie Hotellerie und Gastronomie abstimmen, um abzuklopfen, wie unter den jeweiligen örtlichen Voraussetzungen ein möglichst störungsfreier Skisport möglich ist. Ähnlich wie bei den Großveranstaltungen gehen wir von einer relativ hohen Schnittmenge aus, sprich: Einheitliche Leitlinien für Fragestellungen, die alle betreffen, die immer wieder gleich auftauchen und beantwortet werden müssen. Und darüberhinaus eine individuelle Abstimmung, die von den regionalen und betrieblichen Gegebenheiten sowie der aktuellen Corona-Situation abhängig ist. Wichtig wäre aus unserer Sicht, dass wir keinen kompletten Flickenteppich haben, sondern die Grundprinzipien für möglichst alle Skigebiete gelten. Aber eine gewisse Flexibilität ist absolut notwendig und sinnvoll. 

Gibt es noch weitere Maßnahmen, die der DSV in den vergangenen Monaten vorangetrieben hat? Ja. Über unsere Initiative Dein Winter. Dein Sport. arbeiten wir seit einigen Jahren sehr vertrauensvoll mit dem Skilehrerverband (DSLV) und Snowboard Germany zusammen. Dieser Austausch wurde natürlich zum Thema Covid-19 in den vergangenen Wochen noch einmal intensiviert. Unter anderem über eine gemeinsame Plattform, auf der wir alle Informationen und das uns zur Verfügung stehende Expertenwissen bündeln. Daraus resultierend haben wir bereits Handlungsempfehlungen und eine Art Checkliste für Skivereine und die Schneesportschulen formuliert, die sich wiederum an den bereits genannten Empfehlungen aus dem Spitzen- und Veranstaltungsbereich orientieren. Also: Was ist zu beachten bei Kursausschreibungen, bei der Organisation vor Ort, bei der Anreise? Analog der DOSB-Idee ist auch diese Liste ist nicht starr und endgültig, sondern ein atmendes System, um auf die sich ändernden Voraussetzung angemessen reagieren zu können. 

Welche Prognosen sieht der DSV für die kommende Saison? Als Individual- und Outdoor-Sport haben wir mit Sicherheit einen gewissen Vorteil, was Durchlüftung und Abstandsregeln betrifft. Auch eine Masken- und Handschuh-Pflicht, so sie denn sinnvoll ist, wäre problemlos umsetzbar. Entsprechend gehen wir davon aus, dass mit vernünftigen Sicherheits- und Hygienemaßnamen ein sicherer und vor allem auch genussvoller Ski- und Schneesport möglich sein sollte. Aber klar, wir haben kritischere Themenbereiche wie "Transport zum und im Skigebiet" und es braucht Vorschläge, wie sich größere Menschenansammlungen auf und abseits der Pisten vermeiden lassen. Wobei wir unseren Fokus aber ganz klar auf den Sport legen. Skisport ist nicht automatisch gleichzusetzen mit Unterhaltungstourismus und Apres-Ski. Das ist nicht in unserem Zuständigkeitsbereich. Wir wollen die Menschen wieder in den Schnee bringen. Gerade in der aktuellen Zeit ist Sport in der freien Natur wichtiger denn je. Mit allen positiven Auswirkungen des Skisports auf Physis und Psyche. Da kann der Ski- und Schneesport ganz sicher auch in Corona-Zeiten eine Vorreiterrolle einnehmen.
Das Interview führte Susa Schreiner.

Susa Schreiner
Autor(in) Susa Schreiner

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