Interview 03.05.2021, 14:56 Uhr

Nachhaltigkeit heißt Ressourcen schonen

Die Pandemie scheint nachhaltige Prozesse deutlich voranzutreiben. Wie wichtig in diesem Zusammenhang die Funktion von Oeko-Tex als Berater und Partner der Branche ist, klärt sport+mode im Gespräch mit Generalsekretär Georg Dieners.
Georg Dieners, Generalsekretär Oeko-Tex
(Quelle: Oeko-Tex)
Welches Ziel verfolgt Oeko-Tex vordergründig?
Wir verfolgen in erster Linie zwei Sichtweisen. Die eine im Hinblick auf die Industrie, wo sich Oeko-Tex als Partner versteht, um für diese entsprechende Nachweise zu erbringen – teils hinsichtlich des Produktes und der Produktsicherheit mit dem Standard 100 by Oeko-Tex oder sei es bzgl. der Nachhaltigkeitsaspekte im Step-Zertifikat by Oeko-Tex. Der andere Bereich liegt auf Seite des Konsumenten, dem wir ein verlässliches Siegel bieten möchten, um klarzustellen, dass die Bekleidung, die er erwirbt, nicht nur geprüft ist, sondern aus nachhaltiger Produktion stammt. Seit einigen Jahren vereinen wir diese Punkte im Label made in Green. Hier erhält der Konsument zudem exakte Aussagen bzgl. Transparenz und Produktherkunft. Am Ende verstehen wir uns als Qualitätssiegel auf der einen Seite und Nachweissiegel hinsichtlich Nachhaltigkeit und der Darstellung der Lieferkette auf der anderen. 
Hat Corona in puncto Nachhaltigkeit Dinge verändert?
Ja, Corona macht es einfach schwieriger. Als im letzten Jahr in China alle Produktionen gestoppt wurden, war dies mit erheblichen Einschränkungen verbunden. Unsere Siegel werden jedoch vor Ort von unserem Personal regelmäßig auditiert. Die Herausforderung bestand jetzt darin, ein System zu schaffen, mit dem wir die Audits trotzdem sicherstellen können. Darunter fielen in erster Linie die Überprüfung in den Betrieben, sei es in punkto Standard 100 by Oeko-Tex, sei es in punkto Step by Oeko-Tex. Am Ende ist es uns gelungen, virtuell Audits durchzuführen, damit die entsprechenden Vorgänge verifiziert werden können.  
Welchen Herausforderungen stehen Hersteller, Marken und Handel heute und in Zukunft gegenüber?
Hier muss ich ein wenig ausholen. Vor 25 Jahren stand der Verbraucherschutz noch sehr stark im Fokus. Es musste sichergestellt werden, dass keine schädlichen Azoverbindungen verwendet wurden oder der Gehalt an Formaldehyd den legalen Erfordernissen entspricht. Der qualitative Nachweis wurde verstärkt als selbstverständlich angesehen, ebenso wie andere nachhaltige Aspekte, so zum Beispiel die sozialen Standards vor Ort in der Produktion, der Verzicht auf Kinderarbeit, gerechte Lohnvergütungen bis dahin, den ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Die nächste Phase starten wir nun unter dem Projekttitel „Verantwortungsvolle Unternehmensführung“. Hier sind wir als Gesellschaft oder als Unternehmer gefordert, insbesondere auch die sozialen und umwelttechnischen Aspekte in gleicher Form bei unseren Auftraggebern wahrzunehmen und zu platzieren, wie wir es in unseren Heimatländern tun. Eine Entwicklung, die sich auch im neuen Lieferkettengesetzt widerspiegeln wird. Die Herausforderung für Marken und Händler ist es nun, hier entsprechende Organisationen und Strukturen einzurichten, die sicherstellen, dass der Mensch auf der ganzen Welt gleich behandelt wird.

Das Thema Transparenz in der Lieferkette ist aktueller denn je – Corona hat die Problematik sogar noch weiter in den Fokus gerückt. Wie bewerten Sie die neuen gesetzlichen Regelungen?
Ich bewerte die neuen Regelungen als gut. Es ist extrem wichtig, dass wir uns der Verantwortung ganz bewusst stellen müssen. Ich glaube, viele Unternehmer tun dies jetzt schon, es gibt aber immer noch schwarze Schafe, die sich nicht an diese Maßstäbe halten. Und gerade diese Gruppe wird mit dem neuen Gesetz angehalten, ihre Vorgehensweise entsprechend anzupassen. Das Gesetz wird dabei helfen,  Punkte wie Gerechtigkeit und Gleichstellung zu fördern und hinsichtlich geltender Umweltaspekte mit gleichen Maßstäben zu produzieren.
Wie beziehungsweise mit welchen Lösungsansätzen greifen Sie den Händlern und Partnern unter die Arme?
Wir versuchen, in unserer Philosophie dem Unternehmen entsprechende Tools zur Seite zu stellen, mit denen Nachweise entsprechend erbracht werden können – das war schon immer unsere Zielsetzung und das wird sich auch hinsichtlich des neuen Lieferkettengesetzes noch verstärken. Um eine einheitliche und klare Botschaft zu vermitteln, hat die Oeko-Tex Association ihren Internetauftritt neu gestaltet, optimiert und im August 2019 erfolgreich gelauncht. So finden Unternehmen und Verbraucher auf der nutzerfreundlichen Website nun unter anderem den prominent platzierten Label-Check, ein Tool, mit dem Besucher die Gültigkeit aller Labels abfragen und die Herstellung Made in Green gelabelter Produkte transparent nachverfolgen können. Auf der verbesserten Plattform my Oeko-Tex können Kunden ihre Zertifizierungen zentral beantragen und verwalten. Wir treten hier regelmäßig in den Dialog und versuchen so transparent wie möglich, unsere Erfahrungen und unser Know-how weiterzugeben. In der letzten Umfrage, die wir gemacht haben, konnten 43 Prozent der Befragten Oeko-Tex entsprechend zuordnen – das bestätigt uns in unserer Vorgehensweise und zeigt unsere Bekanntheit und Präsenz auf dem Markt.   
Umwelt- oder Ökosiegel gibt es in der Zwischenzeit jede Menge. Wie kann der Endverbraucher überhaupt noch den Überblick behalten? Wie wichtig ist die Glaubwürdigkeit von Anbietern und Siegeln? Worauf sollten Verbraucher am Ende achten?
Der Endverbraucher steht wirklich vor großen Herausforderungen. Denn er befindet sich nicht nur in einem Siegel-Dschungel, er ist in einem Siegel-Labyrinth gefangen, in dem man sich sehr schnell verlaufen kann. Die Garantie ist schlussendlich das Zertifikat. Es gibt viele Spezialitäten, die sehr fokussiert sind, die aber auf der anderen Seite eine ganzheitliche Bewertung eines Produkts sehr schwierig machen. Am Ende ist es das Bauchgefühl, das entscheidet – und hier scheinen wir einen sehr großen Vertrauensvorschuss genießen zu dürfen. Dies bestätigt die hohe Akzeptanz, die uns die den Kunden entgegenbringen.
Muss der Konsument selbst auch noch aktiv werden und sich informieren, oder reicht es, sich von Siegel zu Siegel zu hangeln? 
Auf jeden Fall, ich glaube in diesem Punkt bleibt dem Endverbraucher oft nichts anderes übrig, um das Gute vom Schlechten unterscheiden zu können. Insbesondere, wenn man in die Tiefe gehen und Zusammenhänge verstehen möchte. Auf einem kleinen Hangtag ist es einfach unmöglich, die komplette Philosophie unterzubringen.
Gerade in der Krise scheint das Verlangen nach mehr Sicherheit größer denn je. Lässt sich das durch Zahlen belegen?
Das kann ich nur bestätigen. Wir haben während Corona einen sehr starken Anstieg an Zertifizierungsanfragen erhalten, insbesondere im Hinblick auf Standard 100 by Oeko-Tex. Viele Unternehmen haben sich jetzt Gedanken darüber gemacht, wie sie sich in dieser Zeit und vor allem in Zukunft strategisch aufstellen möchten. Eine Zertifizierung kann ein Baustein einer neuen Vertriebs- oder Produktionsstrategie sein. Das können wir auch mit Zahlen belegen: Insgesamt gab es einen Zuwachs von 24.205 Labels und Zertifikaten – das entspricht einem Plus von 13 Prozent. Mehr als 21.000 Hersteller, Marken und Händler arbeiten derzeit in fast 100 Ländern mit uns zusammen.
Auch das junge Zertifikat Made in Green by Oeko-Tex konnte enorm an Auszeichnungen zulegen. Ist ein Siegel heute ein wichtiges Verkaufsargument?
Made in Green ist noch ein recht junges Zertifikat und soll Antwort auf Verbraucheranforderungen geben, die nach mehr Transparenz Ausschau gehalten haben. Kunden wollen verstärkt wissen, wo ihre Bekleidung herkommt, wo sie gefertigt wurde und vor allem unter welchen sozialen Bedingungen. Seit einigen Monaten haben wir eine sehr starke Nachfrage nach dem Label, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Die Anzahl gültiger Label stieg im Jahr 2020 um 267 Prozent von 1093 auf 4.010 Labels. Zudem können seit Januar 2020 auch Lederartikel mit dem Label ausgezeichnet werden. Dass wir schon bald die CO2-Bilanz und den Wasserverbrauch auf dem Siegel Made in Green by Oeko-Tex in Zahlen auf dem Hangtag angeben werden, bringt uns denke ich in puncto Transparenz sowohl beim Kunden als auch bei unseren Partnern noch einen Schritt weiter.
Wo steht Deutschland denn aktuell im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern, was das Thema Zertifizierungen angeht?
Deutschland ist immer noch einer der größten Bekleidungsmärkte. Hier sitzen die wich- tigsten Händler und viele wichtige Marken. Brands waren von Anfang dabei, als es zum Beispiel um die Zertifizierung mit Made in Green ging, und haben sehr schnell erkannt, dass die Kennzeichnung ein gutes Mittel ist, sich ein transparentes Image zu verschaffen. Deutschland ist in meinen Augen absolut führend, auch in der Umsetzung.
Hat Corona für Oeko-Tex auch neue Herausforderungen und Probleme mit sich gebracht – sprich Arbeitsabläufe erschwert?
Während der größten Herausforderung der letzten Jahrzehnte hat Oeko-Tex alle Anstrengungen unternommen, um die Zertifizierungen weiterhin durchzuführen und so Unterbrechungen in den Lieferketten zu vermeiden. Erneuerungen bestehender Zertifikate wurden vorübergehend ohne Muster abgewickelt, um den Zertifikatsinhabern drei zusätzliche Monate Zeit zu geben, Muster für Tests zu sammeln.
Dennoch hat die Pandemie auch dafür gesorgt, dass weniger konsumiert wird, was am Ende ja die nachhaltigste Variante überhaupt ist. Konsumieren wir generell zu viel?
Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, kommen wir am dem Thema Konsum nicht vorbei. Der unbedarfte, unüberlegte Konsum kann in erster Linie nie nachhaltig sein. Es ist ein schwieriges Thema, wenn wir das beinflussen wollen. Ich denke, man muss hier schon ganz früh beim Thema Erziehung starten und sich am Ende die Frage stellen, was Nachhaltigkeit generell bedeutet. Dies definiert jeder für sich anders, dennoch bedeutet Nachhaltigkeit in wenigen Worten zusammengefasst eine Ressourcenschonung – und da wären wir dann wieder bei dem Punkt, dass wir uns sehr wohl darüber Gedanken machen müssen, was und wie viel wir konsumieren. Ich denke schon, dass der Händler hier aktiv werden kann, indem er qualitativ hochwertige, langlebige Produkte zu einem gewissen Preis anbietet. Wenn man das als Händler konsequent durchzieht, wird sich dies auch in einer entsprechenden Nachfrage bestätigen.
Gibt es Neuigkeiten aus dem Hause Oeko-Tex, auf die sich die Branche in diesem Jahr freuen darf – vor allem mit Blick auf die Sportartikelbranche?
Wie bereits angedeutet, werden wir mit dem Label Made in Green zukünftig auch eine Aussage zum CO2- und Wasserverbrauch machen. Ich halte dies für extrem wichtig. Zudem gelingt es uns letztendlich, den Verbrauch in Zahlen festzuhalten. So kann der Kunde genau nachverfolgen, wie viele Ressourcen bei der Produktion des erworbenen Artikels eingespart wurden. Zudem starten wir mit einem internationalen Advisoryboard, mithilfe dessen Stakeholder aus der Industrie und aus Textilverbänden sich über die Entwicklung von Oeko-Tex austauschen können. Wir verlangen nicht nur Transparenz von unseren Kunden, sondern auch von uns als Organisation. Zukünftig beschäftigen wir uns mit einer öffentlichen Stakeholder-Konsultation. Über die Homepage können Händler, Verbraucher, aber auch unsere Geschäftspartner Inputs geben und Kritik äußern.

Schlüchter Astrid
Autor(in) Schlüchter Astrid


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