Nachhaltigkeit 24.11.2020, 08:30 Uhr

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Fahrradtrikots aus Fischernetzen, Laufschuhe aus Meeresmüll und Textilien aus PET-Flaschen: Recycling liegt im Trend. Doch was steckt eigentlich hinter dieser Entwicklung?
(Quelle: Shutterstock)
Ein altes Fischernetz, das als Fahrradtrikot ein zweites Leben erhält. Was sich im ersten Moment unglaublich anhört, hat man bei Triple2 Wirklichkeit werden lassen. Seit mehreren Jahren arbeitet das Münchner Label mit dem Stofflieferanten Aquafil aus Italien zusammen, der einen Prozess entwickelt hat, bei dem Nylonmüll aus dem Meer gefischt, recycelt und anschließend zu Textilien verarbeitet wird. „Mit den Materialien aus Meeresmüll sind wir in der Lage, umweltfreundliche, recycelbare Radbekleidung zu entwickeln. So tragen wir mit jedem gefertigten Trikot ein Stück dazu bei, die Meere von Müll zu befreien“, erzählt Lara Mäntele, Sales- und Marketingmanagerin beim bayerischen Bekleidungshersteller, der sich unter dem Motto „Eco Bike Wear“ auf den Verkauf von nachhaltiger Radbekleidung spezialisiert hat. Wie ernst man es damit meint, zeigt ein Blick auf die aktuelle Kollektion: Knapp 95 Prozent der Kleidungsstücke bestehen aus umweltfreundlichen Materialien, rund 20 Prozent werden aus Müll gefertigt, der aus den Ozeanen gefischt wird. Mehr als 500 Tonnen Plastikmüll wurden so bereits recycelt. Mit der Initiative, aus alten Meeresabfällen neue Sportbekleidung herzustellen, steht Triple2 an der Spitze einer ganzen Reihe von Bekleidungsherstellern, die im Rahmen ihrer aktuellen Nachhaltigkeitsbestrebungen das Thema Recycling ganz oben in ihrer Unternehmensphilosophie verankert haben: Auch die Outdoorspezialisten Mammut und Vaude verarbeiten bei einem Teil ihrer Produkte Meeresmüll und kooperieren dabei wie Triple2 mit dem italienischen Stofflieferanten Aquafil [siehe hierzu auch das sport+mode-Interview ab Seite 24]. Der Sportartikelhersteller Adidas vertreibt unter dem Markennamen Adidas Parley seit fünf Jahren eine Kollektion, bei der in Zusammenarbeit mit der Organisation Parley for the Oceans Plastikmüll von Stränden und aus Küstenregionen zu Kleidung und Schuhen verarbeitet wird. Die Outdoormarke Jack Wolfskin unterstützt seit 2018 das Seaqual- Ocean-Projekt gegen Meeresmüll, im Rahmen dessen bereits 600 Tonnen Müll aus dem Meer geborgen wurden. Und der Textilproduzent Polartec setzt auf das Recyceln von PET-Flaschen: Über 1,7 Milliarden Flaschen wurden so bis heute verarbeitet, die ansonsten auf Mülldeponien oder im Meer gelandet wären – ein Äquivalent von über 38 Millionen Bekleidungsstücken weltweit. Es sind nur einige von zahlreichen Beispielen aus der Branche, die Altplastik als Ressource für ihre Sortimente nutzen.

Meeresmüll als Umweltproblem 
Quelle: Jack Wolfskin
Die Initiativen der Hersteller gehen dabei auf eine Problematik zurück, die laut WWF (World Wide Fund For Nature) als eines der drängendsten Umweltprobleme unserer Zeit gilt: Plastikmüll verschmutzt die Gewässer, setzt Schadstoffe frei und bedroht die maritime Tier- und Pflanzenwelt. Allein der große Müllstrudel im Nordpazifik ist mehr als viermal so groß wie Deutschland. Zwischen den Jahren 1950 und 2015 wurden weltweit 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert – also mehr als eine Tonne pro Mensch, der heute auf der Erde lebt. Etwa 300 Millionen Tonnen Kunststoff stellt die Industrie pro Jahr her. Davon landen bis zu 13 Millionen Tonnen als Plastikmüll im Meer, wobei sich dort bereits zwischen 80 und 100 Millionen Tonnen an Abfall angesammelt haben sollen. Das Problem: Die Kunststoffe zersetzen sich erst in rund 600 bis 800 Jahren und bilden im Anschluss gefährliches Mikroplastik. Genau jenes Mikroplastik spielt eine entscheidende Rolle dabei, warum die Textilindustrie als einer der größten industriellen Verschmutzer von Grundwasser, Flüssen und Meeren gilt – und das nicht nur wegen der laut WWF 1,7 Milliarden Tonnen CO2, die man jährlich ausstößt. Nach Schätzungen der Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature) geraten jährlich 1,5 Millionen Tonnen Mikroplastik in die Meere – mehr als ein Drittel davon sind Fasern aus Kleidung, die sich etwa beim Waschen ablösen und so ins Wasser gelangen. Verschiedene Studien zeigen, dass sich pro Waschgang von fünf Kilo Bekleidung bis zu sechs Millionen Mikrofasern ablösen können. Da gerade Outdoorbekleidung aufgrund ihrer funktionellen Eigenschaften in der Regel aus Kunstfasern wie Polyamid oder Polyester besteht, trägt die Sportindustrie damit trotz ihrer eigentlich naturnahen Ausrichtung ungewollt auch zum Meeresmüll bei. „Für uns ist es daher eine der wichtigsten Aufgaben, künftig nicht noch mehr Plastik zu produzieren, sondern es wiederzuverwerten“, sagt beispielsweise Sonja Greimel, Pressesprecherin bei Jack Wolfskin, nicht ohne Grund. Zusätzlich zur der Unterstützung des Seaqual-Ocean-Projekts gegen Meeresmüll hat man daher das Material Texapore Ecosphere entwickelt: Dessen Außenmaterial besteht aus wiederverwerteten PET-Flaschen und ist PFC-frei. Die Membran wird zudem aus den Schnittresten der Produktion hergestellt, wodurch keinerlei Abfall mehr entsteht. „Außerdem besteht das Futter aus komplett recyceltem Material und ist nach dem Global Recycling Standard zertifiziert“, wie Greimel erläutert. Auch für Adidas hat die Reduktion des Plastikmülls aufgrund des immer größer werdenden Verschmutzungsgrades der Umwelt oberste Priorität in der Unternehmensstrategie, wie Philipp Ferstl, Senior Manager im Bereich Sportmarketing und PR, versichert.
„Wir sind davon überzeugt, dass nachhaltiges und verantwortungsvolles Handeln als Unternehmen auch langfristig zu wirtschaftlichem Erfolg führen wird“, sagt er und weist darauf hin, dass man sich nicht ohne Grund das Ziel gesetzt habe, langfristig ganz ohne Plastikmüll auszukommen. „Bei Adidas werden in diesem Jahr erstmals mehr als 50 Prozent des verwendeten Polyesters in der gesamten Produktpalette aus recyceltem Material bestehen. Ab 2024 soll nur noch recycelter Polyester verarbeitet werden“, so Ferstl weiter. Ähnlich ambitioniert zeigt man sich bei Polartec: Bereits seit 1993 stellt der Textilspezialist Stoffe mit einem hohen Gehalt an recycelten Materialien her. Durch die Fusion mit dem US-Unternehmen Milliken haben diese Ambitionen aber nun einen neuen Level erreicht, wie Präsident Steve Layton erklärt: „Mit Milliken sind wir nun in einer Position, um uns komplett von PFCs im Herstellungsprozess wegzubewegen. Daher möchten wir keine Kompromisse eingehen und werden bis Ende des Jahres nur PFC-freie Produkte in unserer Linie anbieten. Unsere Vision ist es, das getragene Kleidungsstück am Ende seines Lebenszyklus komplett recyceln zu können“, lautet sein Ziel.

Ein komplexer Prozess
Sportbekleidung aus recyceltem Plastik – zu unterscheiden ist bei der Herstellung grundsätzlich zwischen Pre-Consumer Waste, also Industrieabfällen aus der Produktion, und Post-Consumer Waste, beispielsweise alte Fischernetze oder PET-Flaschen. Pre-Consumer Waste ist typischerweise in größeren Mengen und besserer Qualität vorhanden, Post-Consumer-Plastik ist dagegen noch schwierig zu recyceln. Warum, zeigt sich im Fall des unter anderem von Mammut, Triple2 und Vaude verwendeten Econyl-Materials des italienischen Produzenten Aquafil: Hier müssen die alten Fischernetze zunächst vom Meeresgrund geborgen werden. Eigens auf diese Arbeit spezialisierte NGOs wie beispielsweise die Healthy Seas Organisation sammeln diese Geisternetze mithilfe von Tauchern. Die geborgenen Netze werden dann zunächst gereinigt und zusammen mit anderen Nylonabfällen zu einem Granulat regeneriert, das genauso rein ist wie herkömmliches Nylon. Im anschließenden Prozess wird aus dem Granulat eine Spinnlösung hergestellt. Diese wird durch Spinndüsen gepresst und zu einem Endlosfaden verarbeitet, aus dem später das Nylongarn und zum Schluss der Stoff entsteht. Ähnlich komplex verläuft das Prozedere bei Adidas: „In einem ersten Schritt sammeln Parley und die beteiligten Partnerorganisationen Plastikabfälle in entsprechenden Küstenregionen wie zum Beispiel den Malediven ein. Die Abfälle werden anschließend zum Zulieferbetrieb von Adidas Parley in Taiwan transportiert, wo sie upgecycelt und zu Garnfasern verarbeitet werden, die dann bei der Fertigung der Produkte zum Einsatz kommen“, berichtet Philipp Ferstl. Die Verarbeitung der von vielen Firmen verwendeten PET-Flaschen verläuft in ähnlicher Art und Weise. Der Textilspezialist Primaloft gewinnt beispielsweise seinen Kunststoff hauptsächlich aus PET-Flaschen, die sonst auf Mülldeponien oder in Meeresumgebungen gelandet wären. „Die Flaschen werden gereinigt, zerkleinert und zu Plastikchips geschmolzen. Diese Chips verwandeln wir dann in unsere Primaloft-Fasern. Unsere Recyclingfasern haben dabei dieselbe Qualität und Leistung wie Frischfasern. Diese Fasern werden im nächsten Schritt zur Herstellung unserer Isolations- und Gewebeprodukte verwendet“, erklärt Mike Joyce, Präsident und CEO bei den US-Amerikanern. Der hohe Aufwand zeigt aber bereit, dass die Hersteller durchaus mit großen Herausforderungen zu kämpfen haben, wenn es um die Umsetzung der Recyclingpläne geht. Diese gehen dabei weit über den Produktionsprozess hinaus, wie die Firmen berichten. „Herausforderungen auf dem Weg sind Materialmixe, chemische Inhaltsstoffe, die beim Recycling noch nicht zuverlässig kontrolliert werden können, und eine stabile Qualität der zu recycelnden Ware“, meint etwa Jack-Wolfskin-Sprecherin Sonja Greimel. Benedikt Tröster, Pressesprecher bei Vaude, nennt zudem höhere Kosten im Entwicklungsprozess durch die zusätzliche Zertifizierung. „Zudem hat das Endprodukt einen höheren Verkaufspreis gegenüber einem vergleichbaren Produkt aus Rohöl“, fügt er an. Ihm stimmt Triple2-Sprecherin Lara Mäntele zu: „Außerdem muss der Mehrwert, der in dem Produkt steckt, an den Endkonsumenten transparent kommuniziert werden“, sagt sie, nur um zu betonen, dass man langfristig optimistisch sei, dass in Zukunft eine Trendwende einsetze und Materialien aus Rohöl teurer werden als recycelte Rohstoffe. „Derzeit besteht unsere Kollektion zu 95 Prozent aus nachhaltigen Materialien. Unser Ziel ist es aber, auch noch die letzten 5 Prozent bis 2022 nachhaltig zu gestalten. Das ist für uns eine Herausforderung, aber wir stellen uns dieser Herausforderung aus Überzeugung.“
Kreislaufwirtschaft als Ziel
Alte Fischernetze, aus denen Fahrradtrikots produziert werden. Meeresmüll, der zu Laufschuhen wird. Und recycelte PET-Flaschen, die sich in Funktionsmaterialien verwandeln. Auch wenn der Trend, aus Recyclingmaterial Neues zu schaffen, immer stärker wird – geht es nach den Firmen, ist dies nur ein Zwischenschritt. Denn die größte Herausforderung sei, so betonen fast alle befragten Marken, eine vollständige Kreislaufwirtschaft zu verwirklichen, bei der unachtsam weggeworfene Artikel nicht mehr mühevoll gesammelt werden müssen. Cradle-to-Cradle nennt sich dieser Ansatz, der die Vision einer völlig abfallfreien Wirtschaft darstellt, in der gesundheits- oder umweltschädigende Stoffe keine Verwendung mehr finden. Alle Materialien sollen sich entweder in den natürlichen Kreislauf reintegrieren oder unendlich oft für den gleichen Zweck verwenden lassen. „Es ist zwar gut, wenn jemand versucht, die Meere wieder sauber zu bekommen – aber der primäre Fokus sollte darauf liegen, Kunststoffabfälle durch unseren Bedarf so werthaltig zu machen, dass sie gesammelt und eben nicht mehr achtlos weggeschmissen werden“, sagt etwa Sonja Zajontz, Sprecherin des Textilspezialisten Sympatex. Der Grundgedanke dahinter ist klar: Recycling ist ein wertvoller Beitrag zur Reduzierung von Abfall und Erhaltung von Rohstoffen. Langfristig muss der Plastikkreislauf allerdings unterbrochen werden, um die Problematik der Umweltverschmutzung zu lösen – und letztlich geht das entweder nur mit insgesamt weniger Plastik oder mit Plastik, das nach der Verwendung in einem Kreislauf direkt in einen Produktionszyklus zurückgeführt wird. Auch beim Outdoorspezialisten Mammut teilt man diese Meinung: „Das Ziel muss ein ‚Close the Loop‘ sein, also ein geschlossener Bekleidungskreislauf. Das ist angesichts der Komplexität kein einfaches Unterfangen. Mammut hat die ersten Schritte im Thema Kreislaufwirtschaft mit dem Projekt ‚Close the Loop – Recycle Your Rope‘ gemacht. Das ist ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, meint Adrian Huber, Head of CR bei den Schweizern. Die Hersteller wollen der Problematik unter anderem auf zwei Weisen entgegentreten. Die erste: Die Produkte sollen haltbarer werden. „Haltbarkeit ist einer der am meisten übersehenen Aspekte für Nachhaltigkeit. Das nachhaltigste Kleidungsstück ist das, was immer noch im Schrank ist – und nicht im Ozean oder auf der Mülldeponie“, sagt etwa Polartec-Präsident Steve Layton und verweist in diesem Zusammenhang etwa auf den „Power Air Houdi“ aus dem Hause Houdini, der laut Hersteller bis zu 1.100-mal getragen werden kann. „Ich finde es unglaublich, dass man das Kleidungsstück mehr als 1.000-mal tragen kann.
Und wir wollen hier noch weiter gehen. Wir schauen uns verschiedene Designs und neue Technologien an, um den Stoff noch haltbarer und abriebbeständiger zu machen“, betont er. Auch bei Vaude ist die Erhöhung der Lebensdauer eines der wichtigsten Ziele bei der Entwicklung neuer Produkte. Zudem arbeite man stark an der Etablierung der Kreislaufwirtschaft hin. „Was am Ende des Produktlebens passiert, liegt jedoch größtenteils in der Verantwortung der Verbraucher“, weist Sprecher Benedikt Tröster auf eine der größten Schwierigkeiten bei diesem Unterfangen hin. Ein zweiter Weg ist zudem die Verwendung vollständig abbaubarer Materialien. Wie das funktionieren kann, zeigte Primaloft 2018, als man die Technologie „Primaloft Bio“ vorstellte – die erste zu 100 Prozent biologisch abbaubare synthetische Faser für Isolations- und Gewebeanwendungen. „Das ist die Lösung – sowohl für das Ende der Lebensdauer eines Kleidungsstücks als auch das branchenweite Mikroplastikproblem. Eine spezielle Behandlung der Polyesterfasern ermöglicht deren biologischen Abbau, wenn sie bestimmten Umgebungen ausgesetzt sind, in denen Kleidungsstücke oder Mikrofasern häufig landen – auf Mülldeponien, in Ozeanen und im Abwasser“, erklärt Präsident Mike Joyce. „Darüber hinaus sind die Fasern chemisch recycelbar. Bei diesem Verfahren wird Polyester in seine Grundbestandteile zerlegt, sodass es zu einem neuen Hochleistungsmaterial verjüngt werden kann, ohne die ursprüngliche Integrität zu beeinträchtigen. Dies bedeutet, dass sie für den Einsatz in einer Kreislaufwirtschaft erneuerbar sind“, fährt er fort. Die Umsetzung einer Kreislaufwirtschaft strebt man unterdessen auch beim Münchner Bekleidungslabel Triple2 an. „Um die Kreislaufwirtschaft wird man mittelfristig nicht herumkommen. Und ich sehe das auch mehr als Chance denn als Bürde. Wir werden schon sehr bald an einen Punkt kommen, an dem Klima, Müll und unsere Umwelt die essenziellen Themen der Menschheit werden“, erklärt Unternehmenssprecherin Lara Mäntele und betont: „Ich übertreibe sicherlich nicht, wenn ich sage: Es sollte inzwischen jedem bewusst sein, dass derjenige, der jetzt nicht die Weichen stellt, um morgen einen nachhaltigen Produktionsprozess zu garantieren, beim Endkunden die Glaubwürdigkeit verlieren und mittelfristig am Markt keine Rolle mehr spielen wird.“ Mit der Produktion von Radbekleidung aus alten Fischernetzen, die von Tauchern aus dem Mittelmeer gefischt werden und dann zuerst zu Fasern und später zu Textilien weiterverarbeitet werden, hat man jedenfalls einen ersten, großen Schritt auf dem Weg hin zu umweltfreundlicheren Sortimenten gemacht.

Autor(in) Werner Müller-Schell

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