Verpackungen 03.05.2021, 10:19 Uhr

Der neue R-Wert: Reduce, Reuse, Recycel

18,9 Millionen Tonnen Verpackungsmüll produzierte Deutschland im Jahr 2018. Allerdings wird von neuen Rekordhochs ausgegangen in Zeiten des Stillstands. Ein guter Grund bei der Sportartikel-Industrie nach deren Umgang mit Verpackung nachzufragen.
(Quelle: MTS Sportartikel)
Seit 2010 ist der Verpackungsverbrauch um insgesamt 17,9 Prozent gestiegen – ausgehend von den Zahlen aus 2018. Private Endverbraucher verursachten von der Gesamtmenge mit fast 19 Millionen Tonnen Verpackungsabfall 47 Prozent, was 8,9 Tonnen oder knapp 108 Kilogramm pro Kopf entspricht. Vor allem der Papier und Plastikabfall ist in den letzten beiden Jahrzehnten drastisch gestiegen. Allein der Verbrauch von Kunststoffverpackungen hat sich im Vergleich zum Jahr 1995 mehr als verdoppelt! Die Gründe sind mannigfaltig: Einwegflaschen, Kleinverpackungen, Onlinehandel, Essen und Getränke „to-go“. Umweltbundesamt und der Bund Naturschutz schlagen Alarm – innovativere Lösungen seien notwendig – rasch. Die Zahlen für den Verpackungsabfall spucken jedes Jahr neue Spitzensätze aus, allerdings wird mittlerweile auch eine große Menge davon recycelt: Etwa 69 Prozent, wie das Umweltbundesamt für 2018 errechnete. Die Recyclingquote fällt allerdings je nach Material sehr unterschiedlich aus: Papier und Karton werden zu fast 88 Prozent wiederaufbereitet, hingegen wird Kunststoff nur zu gut 47 Prozent wiederverwertet. Das Umweltbundesamt (UBA) mahnt indes Verpackungen zu vermeiden oder gar nicht erst zu produzieren. Darüber hinaus fordert das UBA  Hersteller  dazu auf, ihre Verpackungen möglichst einfach zu gestalten, für ein einfaches und damit auch kostengünstiges Recycling.  Außerdem sollten mehr Mehrwegverpackungen in Umlauf gebracht werden, die bestenfalls gleich aus bereits recycelten Rohstoffen hergestellt wurden. 
Die Ansätze sind klar: Es gilt Stoffkreisläufe zu schließen, Verpackungen einzusparen und nachhaltiger bzw. recyclingfähiger zu konzipieren. Große Herausforderungen, die Gesetzgeber, Verpackungsdesigner, Produzenten, Industrie und Händler gleichermaßen zum Handeln aufrufen. Aber wie weit ist die Branche beim Thema nachhaltige Verpackung? Dazu Rebecca Johansson, Sustainability and R&D Manager bei Helly Hansen: „Wir haben bereits alle PE-Polybeutel auf recycelte Beutel umgestellt. Auch haben wir die Größe der PE-Beutel optimiert und mit den Fabriken an der idealen Faltung von Kleidungsstücken gearbeitet, um so wenig Kunststoff wie möglich zu verwenden. Darüber hinaus verwenden wir nur FSC-Papier in unseren Hangtags, Recyclingpapier in den Einkaufstüten und sind dabei, auch in unserer Schuhverpackung auf diese Art von Material umzusteigen. Wir haben mit Versandprodukten ohne Plastikfolie experimentiert und bei bestimmten Produkten funktioniert es. Wenn möglich, verpacken wir Produkte nicht einzeln, sondern alle in einen größeren Beutel, um Material zu sparen. Kurz gesagt: Wir haben begonnen einige wichtige Schritte zu unternehmen, haben aber noch eine lange Reise vor uns.“ Eine lange Reise, auf die sich Produzenten und Verbraucher gleichermaßen begeben müssen und die nicht immer auf Anhieb zum bedingungslosen ‚Nachaltigkeits-Traumziel‘ avancierte, wie Sebastian Frey, Geschäftsführer MTS zu berichten weiß: „Es ist noch nicht lange her, als wir,unter anderem aus Frankreich, immer wieder hörten, dass es beispielsweise für unsere Schildkröt Tischtennisschläger möglichst große Blister sein müssen, um am Point of Sale (PoS) Sichtbarkeit zu bekommen. Gut, dass dieser Irrsinn nun ein Ende hat.“ Ein Ende, dass sicherlich auch mit den Käuferinnen und Käufern in engem Zusammenhang steht, denn: Was das Thema Plastik betrifft sind die Endverbraucher mittlerweile doch kritischer geworden und verlangen immer häufiger umweltverträgliche Alternativen beim stationären Einkauf. Ein Wunsch, den die Händler an die Industrie weitergeben, wie Frey positiv feststellt: „Wir haben vom Fachhandel eine durchweg positive Rückmeldung, da der Verzicht von Einwegplastik auch ein klarer Wunsch der Verbraucher ist. Es gibt keine Diskussionen, vielmehr werden unsere neuen Verpackungskonzepte und unsere Ideen gelobt.“ 

Die Lust auf frustfreie Verpackung
Blister sind out, dafür steht bei Endverbrauchern das haptische Erlebnis hoch im Kurs: Sei es den Tischtennisgriff mal in der Hand zu halten und auf seine ergonomische Passform prüfen oder der Materialcheck im doppelten Sinn beispielsweise bei Socken. „Der Kunde möchte das Produkt erleben, es anfassen und schon auf der Verpackung über die wichtigsten Eigenschaften informiert werden“, erklärt Christian Popp, Leiter Produktmanagement bei Bauerfeind Sports. Der deutsche Mittelständler aus Zeulenroda produziert von Beginn an zu 100 Prozent in Deutschland und beschäftigt sich nicht ausschließlich mit Produktentwicklungen, sondern auch mit nachhaltigen Verpackungen. Eine Hartnäckigkeit, die sich auszahlten: „Für die Wickelverpackung der Bauerfeind Sport Socks erhielten wir am 7. Oktober 2020 die Auszeichnung in Gold bei den European Excellence Awards“, so Popp stolz. Die Logik dahinter ist praktisch und effizient: „Die Verpackungslösung für unsere Sportstrümpfe ermöglicht, dass Kunden Haptik und Design des Produkts bereits am Point of Sale wahrnehmen. Gleichzeitig wird so wenig Material wie möglich eingesetzt und so Verpackungsmüll vermieden.“ Darüberhinaus wird  für die Wickelverpackung recycelbarer Karton eingesetzt, samt FSC-Zertifizierung. Auch MTS widmet sich bereits seit einiger Zeit intensiv damit, das Plastik aus den Verpackungen zu eliminieren. „Dort wo vor zwei Jahren noch ein Blister das Schildkröt Produkt am PoS präsentierte und schützte, ist es heute ein nett gestalteter Karton. Und wir gehen sogar noch weiter und zeigen noch in diesem Sommer, das erste Schildkröt Fitness Produkt in einem „braunen“ Karton mit ‚1c-Druck‘ um vielleicht dauerhaft  von den farbigen Kartons wegzukommen“, so Frey über die weiteren Schritte. Nachhaltigkeit liebt Effizienz: Von der kleinen, leichten Wickelverpackung bis zur großen Sammelverpackung in einem großen Beutel, die an den stationären Handel geliefert werden. Und wo möglich komplett darauf verzichten. Auch Mehrwegmöglichkeiten rücken immer mehr in den Fokus. Dazu Johansson: „Wir werden in diesem Jahr ein wichtiges Projekt umsetzen. Dabei geht es um den Ersatz unserer Pappkartons. Hier wechseln wir zu haltbareren, leichteren und dünneren Versionen, die sowohl die Wiederverwendbarkeit der Boxen ermöglicht als auch Gewicht spart und es uns möglich macht mehr Produkte in ein und derselben Box zu verpacken.“  Aber auch beim E-Commerce gibt es große Bestrebungen das Thema Verpackungsmüll in den Griff zu bekommen: So engagieren sich beispielsweise Otto, Tchibo, Avocadostore und Repack beim Projekt „Praxpack“. Das im übertragenen Sinn ein Kooperationslabor darstellt in dessen Rahmen die Partner konkrete Lösungselemente zum Aufbau selbsttragender Mehrwegsysteme erarbeiten und miteinander austauschen. Amazon arbeitet indes mit der ‚frustfreien Verpackung‘ in der die Ware in der Original-Produktverpackung verschickt wird. Wenn es nach dem Bundesverband für E-Commerce und Versandhandel, bevh, geht dann: Sind gerade hier besonders die Produkthersteller gefragt, die ihre Ware bisher noch nicht an die Bedürfnisse des E-Commerce angepasst verpacken, sondern immer noch die ‚Display‘-Funktion und damit die ‚Regaltauglichkeit‘ für den stationären Handel im Fokus haben. Richtig Frustfrei und der einzig logische  Weg für die Zukunft sollte lauten: Der komplette Verzicht auf Verpackung – schwer vorstellbar und sicher nicht für alle Bereiche umsetzbar. Dazu Johansson: „Es ist auf jeden Fall eine große Herausforderung in den nächsten Jahren eine gute Lösung für Händler und Marken zu finden.“

Susa Schreiner
Autor(in) Susa Schreiner


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