Was bringt der Winter? 06.10.2020, 13:20 Uhr

Zwischen Demut und Vollgas

Mit 14,6 Millionen Wintersportlern ist Deutschland die zweitgrößte Ski-Nation der Welt. Kommt mit Corona das Wirtschaftszugpferd Wintersport ins straucheln? sport+mode hat Händler und Verbände nach ihren Strategien im Corona-Winter 2020/21 gefragt.
Wie wird sich Wintersport in Zeiten der Corona-Pandemie zeigen?
(Quelle: Intersport)
Es ist kein Geheimnis, dass mit dem Wintersport sowohl im Sportfachhandel als auch im Tourismus die größten Umsätze generiert werden. Deutschland ist Ski-Nation und behauptet sich seit Jahren unter den Top-3-Platzierungen im weltweiten Vergleich. Nur die USA hat mit 25 Millionen Skifahrern und Snowboardern die Nase vorn. Gleich danach kommt Deutschland mit 14,6 Millionen Wintersporttreibenden. Gemessen an der Einwohnerzahl ist knapp jeder fünfte Deutsche Skifahrer oder Snowboarder, in den USA lediglich jeder 15te. Vielleicht eine Erklärung für den enorm hohen Wirtschaftsfaktor. Umso größer ist die Sorge in Pandemie-Zeiten, mit ihren Beschränkungen und Unsicherheiten, wieder gute Geschäftsergebnisse im Sportfachhandel – ähnlich der Vorjahre – auch in der  Wintersaison 2020/21 zu erzielen. Stefan Herzog, Präsident Verband Deutscher Sportfachhandel, kurz vds, hatte im Sommer im Rahmen eines Interviews diesbezüglich von einem Glücksspiel gesprochen, dem sich Sporthändler aussetzen, denn zur großen Unbekannten „Schnee“ haben sich in diesem Jahr noch weitere Störfaktoren eingenistet: Angefangen mit einer verkorksten letzten Wintersaison, über schwierige Vororder in Zeiten des Lockdowns und Lieferengpässe bis hin zu einem flatterhaften Virus, der wie Urian sein Unwesen treibt und Handel sowie Tourismus zwischen Vollgas und Demut schwanken lässt. 
Gute Gründe im Sportfachhandel nachzufragen, wie sich die Händler den großen Herausforderungen stellen und welche Prognosen sie zum Wintergeschäft 2020/21 abgeben. „Der Winter ist in Summe für Sport 2000 Österreich ein sehr wichtiger Faktor“, so Dr. Holger Schwarting, Vorstand Sport 2000 Austria. In den Winterskiorten steht Ski Alpin ohne Zweifel im Vordergrund. „Hier nimmt vor allem das Verleihgeschäft einen großen Stellenwert ein. In diesem Bereich sind wir abhängig von der allgemeinen weiteren Entwicklung des Wintertourismus 2020/21 und freuen uns auf die diesbezüglichen Richtlinien der Regierung.“ Helmut Buchheimer, Leiter Einkauf, Sporthaus Schuster fast die kommende Wintersaison so zusammen: „Wir starten auf Basis einer konservativen Saisonplanung in den Winter und werden die Entwicklung von Anfang an sehr genau beobachten.“ Für Buchheimer ist klar, dass es den Wintertourismus der vergangenen Jahre nicht geben wird. Vor allem der Unterhaltungstourismus, sprich Aprés-Ski, wird in diesem Jahr nicht stattfinden: einerseits ein Verlust für die Veranstalter von darauf zugeschnittenen Reisekonzepten sowie von Hütten- und Barbetreibern, andererseits eine Chance das Skifahren wieder auf seinen sportlichen Kern zurückzuführen. Dazu Buchheimer: „Es gibt genügend aktive Wintersportler, die immer schon einen Bogen um Schirmbar & Co. gemacht haben. Für diese Zielgruppe kann es ein hervorragender Winter werden und die wollen wir mit all unserer Expertise und unserem Service bedienen. Wenn´s dann schneit, zieht es doch alle in die Berge. Dass sehen wir seit Wochen an den vollgeparkten Parkplätzen bei uns im Alpenvorland.“ Der von Buchheimer angesprochene Outdoor-Tourismus diesen Sommer lies insgesamt viele Händler Hoffnung schöpfen. Die Wochen des Lockdowns machte die Menschen hungrig nach Natur, nach dem Draußen sein, nach Sport. Vor allem Individualsportarten an der frischen Luft erlebten und erleben große Zuwachsraten: Joggen, Radfahren, Inlineskaten sind gefragt wie schon lange nicht mehr. Auch der Tennissport blüht in Zeiten des Abstandhaltens wieder auf. Wander- und Campingurlaube waren im Sommer 2020 der absolute Renner. Sporthändler wie Intersport Greil in Deggendorf profitierten von diesen Präferenzen und wollen den guten Umsatz in die Wintersaison rüber retten: „Unsere Hoffnung für die Wintersaison“, erklärt Karl-Heinz Greil von Intersport Greil, „basiert auf dem guten Sommer. Denn, der Wunsch der Menschen, raus in die Natur zu gehen, ist aus meiner Sicht, nach wie vor ungebrochen.“ Vielen Händlern spielt auch ein verändertes Urlaubsverhalten positiv in die Hände, weiß Greil aus Erfahrung: „Viele unserer Kunden sind nicht wie sonst in den Sommerurlaub geflogen und waren somit eher bereit etwas zu kaufen – davon haben wir profitiert. Wenn diese positive Stimmung weiter anhält, wenn Schnee kommt und die Fallzahlen in den Alpenländern nicht nach oben schnellen, dann haben wir gute Chancen auf ein lukratives Wintergeschäft“, so Greil. 

Corona: Zwischen Lagerkoller und Begehrlichkeiten
Quelle: Mc Kinley 
Für viele Sporthändler war das jähe Saisonende 2019/20 ein herber Verlust für das Geschäftsergebnis. Greil, der selbst passionierter Skifahrer ist, sieht in diesem abrupten Saisonende eine Chance: „Es hat sich ein bestimmter Bedarf bei den Kunden aufgestaut. Skifahrer wollen zum Skifahren und meiner Meinung nach sind die ambitionierten Skisportler dieses Jahr noch heißer auf den Saisonstart als die Jahre zuvor.“ Aber, auch bei all den Begehrlichkeiten und dem Lagerkoller bleibt die bange Frage: Sind die Kunden bereit einen neuen Ski zu kaufen? Oder, werden viele Kunden vorsichtig agieren, aufgrund der Covid-19-Unsicherheiten? Peter von der Wippel, Intersport Sport Peter, Bad Tölz erwartet eine „äußerst dürftige Wintersaison“, und begründet seine Einschätzung mit einer drastischen wirtschaftlichen Verschlechterung in Deutschland ab Herbst. „Spätestens, wenn die Stundungen für Sozialabgaben, Mieten, Steuern, Zinsen, um hier nur einige Bausteine zu nennen, fällig werden und wenn dann noch die Aussetzung des Insolvenzsrechts ausläuft, wird man das wahre Ausmaß der Pandemie erahnen können.“ Der Sporthändler betont, dass er entgegen seiner grundsätzlich positiven Lebenseinstellung, hier sehr pessimistisch in die Zukunft blickt: „Die wirtschaftliche Situation wird sich mittelfristig auf Einkaufsverhalten und Konsumklima negativ auswirken.“ Für ihn bleibt Ski Alpin der große Verlierer, weil aus seiner Sicht „Großkabinengondeln, kilometerlange Schlangen, Menschenmassen und der fehlende Lifestyle sicherlich abschreckend wirken.“ Um das zu vermeiden, hängt alles von schlüssigen Sicherheits- und Hygienekonzepten der Liftgesellschaften und Tourismusregionen ab. Und, wie schnell Regierungen die notwendigen gesetzlichen Leitlinien auf den Weg bringen, um Szenarien überhaupt durchplanen zu können. Sport und Tourismus waren wohl noch nie so abhängig voneinander wie im kommenden Winter – die Zukunftsforscher werden die Skisaison mit Spannung erwarten und analysieren. Hatten sie doch schon vor längerer Zeit eine engere Zusammenarbeit der beiden Segmente prognostiziert. Österreich, das bei den deutschen Skifahrern und Snowboardern beliebtes Wintersportland, nach den heimischen Skigebieten, arbeitet mit Nachdruck an Image und Leitlinien in Covid-19-Zeiten. Einer Veröffentlichung der Wirtschaftskammer Tirol zufolge, fordern die Tiroler Tourismusobmänner Vollgas von Österreichs Gesundheitsminister Rudolf Anschober, denn nur so können realistische Rahmenbedingungen für den Wintertourismus erarbeitet werden. 

Der Wintertourismus wird in den Alpenländern auf eine harte Probe gestellt, gilt es doch Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen zu erarbeiten, die den Wirtschaftsfaktor Skiurlaub praktikabel gestalten und vor allem den Winter planbar und für die Urlauber genussreich und attraktiv machen. Dazu Dr. Holger Schwarting, Vorstand Sport 2000 Österreich: „In Arbeitskreisen mit der Hotellerie, den Seilbahnen und Regierungsvertretern arbeiten wir an Konzepten, wie in den Skigebieten mit Hygienerichtlinien und mit Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit umzugehen ist.“ Schwarting ist zuversichtlich, hierfür geeignete Maßnahmen zu finden. Die Messlatte liegt hoch, nicht zuletzt weil laut Statistiken rund 13 Millionen Deutsche einen Ski- bzw. Winterurlaub als Urlaubsreise favorisieren. Was wiederum den Stellenwert von Ski Alpin im Sportfachhandel deutlich widerspiegelt. Dazu Greil: „Ski Alpin macht zirka 60 Prozent unseres gesamten Geschäftsergebnisses aus. Wenn Ski Alpin corona-bedingt ausfallen würde, können wir diese Verluste nicht mit den anderen Wintersportdisziplinen wie Langlaufen, Schneeschuhwandern und Skitouren auffangen. 
Die Stailerai in Oberndorf/Tirol ist zu 90 Prozent auf Wintersportarten und hier vor allem auf Ski Alpin fokussiert. Inhaber Stefan Kurz-Lindner spricht von Glück, dass er und seine Frau Elisabeth ihren Sportladen mit großem Skiverleih in Oberndorf angesiedelt haben, einem kleinen Skigebiet, das sich dem sanften Tourismus verschrieben hat. „Der Winter 20/21 wird eine enorme Herausforderung sein. Wir werden noch mehr auf die persönliche Beratung setzen und widmen uns verstärkt dem Skiservice.“ Deswegen kreiert sein Team aktuell eine Art „Speisekarte für den Skiservice“. „Wir müssen noch individueller auf die Bedürfnisse unserer Kunden eingehen.“ Hauptthema auch diese Saison: Ski Alpin. „Hier ist einfach die Nachfrage am stärksten.“ Allerdings räumt Kurz-Lindner auch dem Touren-Skiverleih Chancen ein, da man diesen Sport eher alleine bzw. in kleinen Gruppen ausüben kann. Auch Sport 2000 Österreich Vorstand Dr. Holger Schwarting geht vorsichtig zuversichtlich an den kommenden Winter heran, nicht zuletzt, weil der Sport in der Natur und ein Urlaub im eigenen Land bzw. im Nachbarland nach wie vor hoch im Kurs stehen. „Die Tourismus-Buchungszahlen im Sommer bestätigen, dass der Tourismus nicht unbedingt in Österreich leiden muss.“ Etwas defensivere Prognosen gibt Thomas Maier, Category Divison Manager Outdoor, Snow, Sun & Fun bei Intersport Deutschland. Zwar setzt er Intersport mit Wintersport gleich, geht aber davon aus, dass beispielsweise Familien ihren Wintersporturlaub eher kurzfristig buchen werden und Skikurse für Kinder nicht das übliche Niveau erreichen. „Bei den Best-Agern, die Ski-Enthusiasten sind und sich das Skifahren und bestes Equipment leisten können“, so Maier, „sehen wir auch eher Zurückhaltung, da sie aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe zählen und die Rahmenbedingungen in den Ski-Ressorts abwarten werden.“ Bei den Gruppenreisen, von Mehrtagesausfahrten bis zum Tagestrip ist für Maier alles möglich, sprich: „Von vielen Ausfahrten bis zu Totalausfall.“ Lediglich die Ski-Performer, wie sie Maier bezeichnet, „werden kommende Saison alle Möglichkeiten ausschöpfen. Dazu zählen Freerider, Tourengeher aber auch Pisten-Performer. Sie werden ihre Wintersporterlebnisse in die Tat umsetzen.“ Mathias Eichler, Category Manager Wintersport bei Sport 2000 Deutschland rechnet mit einer Veränderung in punkto Zielgruppe: „Skifahrer, die vor allem wegen der Aprés-Ski-Partys in die Skiegebiete gereist sind, werden vermutlich in dieser Saison weniger vor Ort sein.“ Stattdessen werden sich die Skisportler verstärkt auf den Pisten tummeln. Wem es auf den Skisport ankommt, der wird auch trotz möglicher Kapazitätsbeschränkungen bzw. gerade wegen der etwas weniger frequentierten Pisten in die Skigebiete fahren.

Ski alpin vs. Skitouren – wer gewinnt?
Das Thema Skitouren und Freeriden boomt seit einigen Jahren und Experten sehen gerade in der aktuellen Zeit große Chancen für diese Disziplin. Dazu Martin Stolzenberger, Geschäftsführer Bergzeit GmbH: „Wir sind als Bergsportunternehmen sehr spitz positioniert und zählen den Bereich Ski Alpin nicht zu unseren Zielgruppen. Wir sprechen im Winter hauptsächlich die Zielgruppen der Sportarten Skitouren, Langlauf, Schneeschuhgehen und Freeride an.“ Bergzeit legt seit Jahren seinen Fokus auf diese Sparte. „Ich bin überzeugt“, so Stolzenberger weiter, „das wir in diesem Jahr von unserer klaren Positionierung profitieren und weiterhin wachsen werden.“ Auch Sport 65 in Weinheim  setzt stark auf die Segmente Skitouren und Freeride, sowohl im Shop als auch in der Funktion als Reiseveranstalter. Dazu Holger Dörsam, Sport 65: „Wir hoffen mit diesen zwei Bereichen noch weiter Zuspruch bei den Shop-Kunden und Reisegästen zu erhalten. Skitouren werden ein absoluter Gewinner sein, in der kommenden Wintersaison.“ Sein Händlerkollege Oliver Nieß, SOS Sport Braunschweig sieht allerdings auch in Ski Alpin nach wie vor gute Umsatzmöglichkeiten: „Ich glaube die meisten unserer Kunden sind ski-hungrig, was auch die Buchungszahlen der Ausbildungsfahrten des Skiverbandes für den Herbst belegen.“ Nieß hat im Bereich der Skiausbildungen für den heimischen Skiverband keinen Einbruch bei den Kursbuchungen erlebt, sondern bereits Ende August die Vorjahres-Buchungszahlen erreicht. „Der Norddeutsche hat Lust auf Wintersport“, schließt Nieß ab. Für Holger Dörsam stellt sich die Lage etwas anders dar, er sieht in Schnee ein kostbares Gut, das seinen Preis hat. Aus dieser Betrachtungsweise ist für Dörsam die logische Schlussfolgerung, dass „Skifahren in all seinen Facetten künftig immer teurer wird“, und schließt hier auch das klassische Pistenfahren mit ein. Eine Meinung, die er schon lange vertritt, das ist ihm wichtig zu erwähnen. „Kleine Skigebiete werden verschwinden, die großen noch größer – was es einer Familie mit wenig bis mittlerem Einkommen nicht mehr erlauben wird, diesem Sport nachzugehen. Zusammen mit Corona werden die Skigebiete diesen Winter um einiges leerer werden.“ Wer sich das leisten kann, wird sich freuen, erklärt Dörsam weiter. Sieht in der angesprochenen Zielgruppe aber nicht den Gelegenheitsskifahrer. „Diese Zahl wird meiner Meinung nach künftig noch weiter abnehmen.“ Der Trend Skitouren gehen ist also ungebrochen, auch Mathias Eichler von Sport 2000 sieht Skitouren und Langlaufen als Profiteure im Corona-Winter.
Stolzenberger sieht für Bergzeit bei den Ski-Alpin-Alternativen seine Chance: „Der Trend verhält sich aus meiner Sicht nahezu ungebremst und wird sich in diesem Jahr sicherlich noch verstärken. Es wird im Bereich Skitouren in erster Linie mehr Einsteiger geben.“ Stolzenberger macht für diesen Umstieg mögliche Unsicherheiten in Zusammenhang mit Covid-19 verantwortlich. „Viele Skigebiete schaffen in diesem Jahr erstmalig Leihmöglichkeiten für Skitouren- und Schneeschuh-Ausrüstung und legen eigene Aufstiegsspuren für diese Zielgruppe an.“ Bergzeit wird für die zu erwartenden Neu-Tourengeher und Schneeschuhwanderer das Angebot im Bereich „Erlebnis“ ausbauen und setzen dabei auf regionale Anbieter in Standorten, die die Hygiene-Vorschriften einhalten um so etwas mehr Planungssicherheit für die Kunden zu vermitteln. Auch Sport 65 hat sein Reiseprogramm für kommenden Winter bereits online gestellt und verschiedene Variablen integriert: „Unser Reisekunden können alle Reisen bis 1. Oktober 2020 kostenlos stornieren, egal aus welchen Gründen.“ Darüber hinaus kommunizieren sie, dass, „wenn es durch das RKI Reisebeschränkungen geben sollte, beispielsweise in die Schweiz oder ein anderes Ziel, dann bekommen unsere Kunden ihr komplettes Geld zurück, auch nach dem 1. Oktober.“ Der Reiseveranstalter Sport 65 hatte vergangenes Frühjahr mit Lockdown bereits eine Viertel Million Euro an seine Reisegäste zurückbezahlt. „Unsere Skireisen waren alle ausgebucht“, so Dörsam weiter. „Wir tragen das unternehmerische Risiko.“ Allerdings gab es auch eine große Welle der Solidarität indem viele Reisekunden ihr Geld für die kommende Saison geparkt. Im Sporthandel hat uns Sport 2000 stark unter die Arme gegriffen“, resümiert Dörsam die letzten Monate und geht davon aus, dass in Zukunft  Schlagworte wie „Deutscher Reiseveranstalter“ wieder ein Prädikat darstellen. Diesen Winter setzt Sport 65 auf europäische Ziele und kleine Gruppen. Bergzeit ist gerade dabei sein Netzwerk mit Partnerbergschulen und Outdoor-Anbietern zu erweitern, „um der hohen Nachfrage nach Kursen und Erlebnissen gerecht zu werden – vor allem im Einsteigerbereich“, erklärt Stolzenberger auf die Frage wie sich der Online-Händler auf den Winter 2020/21 rüstet. Aber auch im Verkauf rechnet Bergzeit mit weiterhin steigenden Umsätzen und plant die Ressourcen entsprechend. Aber wie viel Planung ist überhaupt möglich bei der fragilen „Ware Winter“? 
Winterprognosen: Ein Blick in die Glaskugel
Quelle: Laurent Vanat/Statista 2020
Während die einen Händler nach dem Motto „wer bremst verliert“ und wer dem Virus zu viel Raum gibt verliert noch mehr, agieren, sind andere Händler etwas zurückhaltender und setzen neben Ski-Alpin-Alternativen wie Langlauf, Schneeschuh und Skitouren auch auf Winter-Running. Dazu Peter von der Wippel: „Wir haben uns schon die letzten Jahre immer mehr vom Thema Ski Alpin abgewandt und vermehrt auf Skitouren, Ski nordisch und Schneeschuhe gesetzt. Das könnte jetzt für uns ein Vorteil sein. Ansonsten versuchen wir möglichst lang den Erlebnisbereichen Running und Bergsport/Wandern im Laden ausreichend Fläche zur Verfügung zu stellen. Reine Winterabteilungen bauen wir, etwas überspitzt dargestellt, je nach Wetterbericht auf.“ Sport 65 hingegen hat weitestgehend normal geplant. Sport 65, wie alle anderen Sporthändler mit Wintersortiment, leben jedes Jahr mit der Variable Schnee, sowohl bei der Warenorder für den Shop als auch im Fall von Sport 65, bei der Programmerstellung für die Skireisen. „Dieses Jahr, so Dörsam, kommt Corona dazu, aber wir dürfen uns von dem Virus nicht zu sehr lähmen lassen. Jedes Jahr ist eigen, jeder Winter anders.“ Für Dörsam ist das Wintergeschäft ohnehin mit vielen Unbekannten besetzt, die nicht beeinflussbar sind. „Wir können nur Entscheidungen treffen zu Themen, die wir beeinflussen können – eine davon haben wir in der Vororder-Zeit für uns festgehalten, indem wir uns einig waren, dass das Wintergeschäft schon irgendwie laufen wird.“ Karl-Heinz Greil, Intersport Greil nutzt eine Metapher für die aktuelle Situation: Für ihn gleicht die Vorplanung für die bevorstehende Wintersaison einem Stochern im Nebel. „Insgesamt stellen wir uns darauf ein, dass wir diese Saison noch häufiger als die Jahre zuvor kurzfristig reagieren müssen.“ Greil blickt, wenn man so will, tief in Glaskugel und erkennt zwei Szenarien: Einmal weiterhin ungebremste Kauf- und Sportlust und einmal eine starke Zurückhaltung beim Kaufverhalten. Beides ist möglich – es ist eine Fifty-Fifty-Chance. Für Bettina Weiß, Sport Martin ist aus diesem Grund sehr wichtig, die Kosten im Blick zu behalten, „daher haben wir, wie viele Kollegen, die Vororder angepasst und werden auf Sicht fahren“. Weiß bringt noch einen weiteren Aspekt ins Spiel, denn, für sie ist es wichtig, das Team mitzunehmen und „den Mitarbeitern die Zukunftsängste zu nehmen.“ Denn, so Weiß weiter, „nur mit einem starken und optimistischen Team kommen wir gut durch die Krise. Gute Kommunikation zu den Mitarbeitern und den Kunden ist wichtiger als je zuvor.“ 
Von Seiten der Verbände, Sport 2000, Intersport und vds ist zwar auch eine positive Grundstimmung die Basis aller Handlungen, allerdings werden hier dabei klar die Schwierigkeiten thematisiert, mit denen der Sporthandel diesen Herbst und Winter zu kämpfen hat. Dazu Sport 2000 Österreich Vorstand Dr. Schwarting: „Der kommende Winter ist mit vielen Unsicherheiten gekennzeichnet. Das liegt einerseits an der Risikovariable Schnee und andererseits an der weiteren Entwicklung der Corona-Pandemie.“ Denn, jedes noch so gute Regelwerk wird ausgehebelt, wenn bereits vor Saisonbeginn die Viruszahlen wieder in die Höhe schnellen und Regierungen die Reißleine ziehen. Stefan Herzog, Generalsekretär des vds sieht in diesen vielen Unsicherheiten große Schwierigkeiten, die größte Herausforderung ist aus seiner Sicht die Planung der Saison. Nicht zuletzt weil der Planungsanfang mit dem abrupten Saisonende letzten März einhergeht. Dazu Stefan Herzog: „Schon allein aus diesem Grund werden bei vielen Händlern die Lager noch gut gefüllt sein.“ Gefüllt mit Ware, die andernfalls rund um die Osterzeit hätte verkauft werden können. „Eine Zeit, in der normalerweise noch einmal gute Wintersportumsätze generiert werden“, so Herzog weiter. „Der Sportfachhandel ist mit einer extrem gestörten Vorsaison in die Planung der diesjährigen Saison gestartet, in der sich die Einkäufer auf keine soliden Ableitungen der Verkaufszahlen des Vorjahres stützen konnten“, erklärt Herzog weiter die Schwierigkeiten für den Handel. Darüber hinaus vielen die Orderzeiten mit dem Lockdown zusammen, was für Herzog weitere Ungewissheiten brachte. Oliver Nieß, SOS Sport in Braunschweig hat deswegen sein Orderverhalten bei der Winter-Hardware angepasst: „Wir hatten einerseits aufgrund des Lockdowns noch mehr Ware im Lager als normal und haben andererseits nicht mit den großen Umsätzen wie in den vergangenen Jahren gerechnet.“ Bei den Textilien erzählt Nieß weiter, hatten sie die Ordern normal geschrieben, weil diese passierten, bevor Covid-19 den Handel außer Kraft setzte. Dazu Nieß: „Hier gehe ich aber durch die Pandemie-Situation davon aus, dass vielleicht nicht alle Hersteller voll umfänglich liefern können – was wiederum zu einem etwas reduzierteren Einkaufsverhalten passen könnte.“ Alles in allem, geht der Skiexperte aus dem Norden der Republik aber nicht mit einem so großen Angstgefühl in die kommende Wintersaison, „als das vielleicht bei dem einen oder anderen Händlerkollegen im Süden der Fall sein könnte.“ SOS Sport in Braunschweig hat sein Geschäft in der Nähe des Harz, ein kleines Mittelgebirge, das im Wintersport-Reigen der Alpin-Skiboliden keine wirkliche Rolle spielt. Das Skigebiet ist klein, wer Skifahren will, fährt in die Alpen – und bucht seinen Urlaub entsprechend vorab. Dazu Oliver Nieß: „Wir Sporthändler im Norden nehmen beim Thema Wintersport eine kleine Sondersituation ein, einfach weil wir durch die räumliche Distanz nicht ganz so wetterempfindlich sind. Ein typischer norddeutscher Skifahrer fährt ein bis zweimal pro Saison in die Berge und bucht seine Skireise häufig sechs Monate im voraus.“ Da ist es dann auch zweitrangig, wie die Wetter- und Schneebedingungen vor Ort aussehen, es ist gebucht und es wird gefahren, weiß Nieß aus Erfahrung zu berichten. Im Gegensatz dazu wird den süddeutschen Wintersportlern mehr Sprunghaftigkeit nachgesagt. Sie agieren mehr Schnee- und Wetterabhängig, auch beim Kauf im Handel. Das norddeutsch-Stoische hat letzte Saison auch dazu geführt, dass, so Oliver Nieß: „Die letzte Skisaison halbwegs akzeptabel war, auch wenn das Wintergeschäft jäh endete und uns das Ostergeschäft verloren ging.“ Für das Sporthaus Schuster in München ist Wetter und Schnee ausschlaggebend für den Verkauf, entsprechend wird hier schon seit längerem intern diskutiert, wie man sich unabhängiger von Witterungseinflüssen machen kann. Dazu Helmut Buchheimer, Leiter Einkauf: „Alpiner Wintersport ist für uns nach wie vor sehr wichtig. Skitouren, Schneeschuhwandern oder Langlauf sind die Alternativen für den Wintersportler. Das zeigt uns die positive Nachfrageentwicklung der letzten Jahre.“ Aber Sortimente wie beispielsweise Running oder Bike werden spürbar stärker und saisonunabhängiger nachgefragt. „Die Pandemie, so Buchheimer weiter, „wird diese Entwicklung voraussichtlich noch beschleunigen. Wir nehmen die Entwicklungen auf und passen die Sortimente entsprechend an.“ Schuster hat seine Sortimente geordert und wird „je nach Nachfrageverlauf sehr fein steuern“, so Buchheimer. „Da wir einen sehr starken Fokus auf Münchener Kunden, unsere Stammkunden, bzw. aktive Sportler haben ist die Entwicklung für den kommenden Winter schwer zu prognostizieren.“ 

Handel, Industrie und Tourismus – eine neue Star-Alliance?
Stefan Herzog, vds, hat in vielen Gesprächen und Sitzungen zum Thema Wintertourismus in Coronazeiten die Erkenntnis gewonnen, wie eng Handel, Industrie und Tourismus miteinander verwoben sind und wie alle drei Segmente in gewisser Weise auch voneinander abhängig sind. „Allein die Frage, ob weitere Corona-Infektionswellen auf uns zu rollen und damit wieder Verschärfungen seitens der Gesetzgeber erneut in Kraft treten, ist eine große Variable, die keiner frühzeitig lösen kann.“ Alle sitzen im gleichen Boot, wenn man so will, sind alle Beteiligten wieder auf Werkseinstellung zurückgesetzt. Aus diesem Grund, so Herzog, „scheuen sich auch noch Touristiker und Liftgesellschaften davon Initiativen loszutreten, Kampagnen auszurollen oder überhaupt große Investitionen vorzunehmen.“ Blickt man über die Grenze nach Tirol, ist eine gewisse Nervosität spürbar, zwar sind die großen Kampagnen noch nicht ausgerollt, aber die Tourismuschefs arbeiten mit Nachdruck an Rahmenbedingungen für die so wichtige Wintersaison, in der im Schnitt jeder Gast 155 Euro pro Tag ausgibt, im Sommer sind es lediglich 119 Euro. Vor allem den wichtigsten Quellmarkt im Tiroler Wintertourismus, Deutschland, gilt es von einer schlüssigen Corona-Strategie zu überzeugen. Es geht um Geld, sehr viel Geld und um ein etwas lädiertes Image, das dem Unterhaltungs-Skitourismus zugeschrieben werden muss. Und um fair zu bleiben, wenig bis nichts mit dem klassischen Skisport zu tun hatte. Die Scherben gilt es jetzt aufzusammeln und zu vernichten, kitten hilft nicht. Für Tirol geht es um richtig viel, vor allem im Wissen darum, welchen wirtschaftlichen Stellenwert die touristische Wintersaison für den Wohlstand des Landes hat. Wohl auch deswegen begegnen die Tiroler Tourismusunternehmen nach Angaben der Wirtschaftskammer, dem Winter 2020/21 mit Demut. Gerade weil das Virusgeschehen so ungewiss ist, ist jene Planbarkeit, die sich durch klare und praktikable Regeln ergibt so wichtig. Das Tempo lautet hier: Vollgas.

Stimmungsbarometer Wintersport: Gut bis sehr gut
Letztlich hilft es sowohl dem Tourismus als auch dem Handel und der Industrie, dass in der Bevölkerung, Umfragen zufolge, eine äußerst positive Grundeinstellung zum Thema Skiurlaub herrscht. Einer online-Umfrage im April 2020 von Snowplaza.de, an der sich mehr als 3.500 Skiurlauber beteiligten, gaben 93 Prozent der Befragten an, dass sie einen Skiurlaub diese Saison planen. Lediglich 7 Prozent wollen nicht in den Skiurlaub aufbrechen. Und bereits 34 Prozent der Befragten hatten ihren Skiurlaub bereits zu diesem Zeitpunkt gebucht. Auch eine Umfrage von Skimagazin im August 2020 ergab, dass 54 Prozent der befragten Leser trotz Corona-Pandemie einen Skiurlaub planen, nur 12 Prozent sieht diese Saison davon ab. Die Österreichischen Skigebiete wird es freuen, dass  Österreich die bevorzugte Skidestination kommenden Winter wohl sein wird, vor Deutschland und Italien – zumindest was die Magazin-Leser angeht. 
Die Zahlen untermauern auch Herzogs Annahme, die er mit vielen Branchenexperten teilt: „Der Wunsch nach Natur ist mehr denn je gegeben, das konnten wir bereits in diesem Sommer verstärkt erleben.“ Der vds-Generalsekretär geht entsprechend davon aus, dass auch im Winter viele Menschen versuchen werden, raus in die Natur zu kommen. „Und sollte es so kommen, dass ein Gros der Winterurlauber Angst hat sich in eine Gondel zu setzen, dann werden sicherlich viele Skisportler auf individuelle Wintersportsegemente umsatteln.“ Familientaugliches Schneeschuhwandern oder Winterwandern, individuelles Langlaufen oder Skitouren gehen, Herzog sieht darin Themenfelder, die sich der Tourismus für kommende Saison nutzen wird und die damit auch für die Sporthändler relevant sind. „Auf diese sanften Sportarten stellt sich auch der Handel ein.“ 

Konstante Variable: Schnee
Zwar ist die Frage nach dem Schnee nicht neu, kann aber in diesem Winter zum Zünglein an der Waage werden. Denn ist kein Schnee da,aber die Fallzahlen hoch, können die Individualsportarten, die größtmögliche Corona-Sicherheitsmaßnahmen erfüllen, nicht die Cash-Cow Ski Alpin ersetzen. „Ski Alpin ist nach wie vor die umsatzstärkste und prominenteste Kategorie im Wintersport und steht“, so Thomas Maier, Intersport, ganz vorne, wenn es „um Marktkommunikation an den Endverbraucher geht.“ Allerdings sieht Maier in der Corona-Krise weitere Sportarten auf dem Vormarsch oder in einer regelrechten Renaissance-Welle. „Inline-Skates und Nordic Walking haben eine Wiederauferstehung als Sportart erlebt. Warum sollte sich dies nicht auch jetzt im Herbst/Winter fortsetzen?“, findet Maier. Auch das Thema Skitouren hat Intersport den alpennahen Mitgliedern für die bevorstehende Saison empfohlen und hier das Thema Verleih von kompletter Skitouren-Ausrüstung zu forcieren. Dazu Maier: „Falls wir früh im November flächendeckend Schnee in Deutschland haben und über acht Wochen durchgängig Winter, werden die kleinen Skigebiete in den Mittelgebirgen und am Alpenrand boomen.“ Denn so Maier, hier können dann auch Corona-Maßnahmen einfacher kontrolliert und umgesetzt werden. Und auch im Bereich Skilanglauf könnten so, „die aufgebauten Nordic-Warenbestände der letzten Jahre kurzfristig komplett abgebaut werden“, so Maier weiter. Was bleibt: Das Wirtschaftswunder Wintertourismus ist und bleibt ein Glücksspiel, bei dem in diesem Jahr die Würfel mit Corona komplett neu zusammengesetzt werden. Zwischen Vollgas und Demut durch den Corona-Winter. 

Susa Schreiner
Autor(in) Susa Schreiner

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