Trends 2021 02.02.2021, 10:34 Uhr

Corona als Impulsgeber

Zugegeben, es ist schwer, der aktuellen Krise etwas Positives abzugewinnen. Wir haben es trotzdem versucht und stellen Trends, Inspiration und Nischen vor, die durch Corona im Aufwind sind. Und aus denen Handel und Industrie Ideen für die Zukunft schöpfen können.
(Quelle: Bilal Karim)
SARS-CoV-2 ist nicht nur ein gefährliches Virus, sondern auch ein Brandbeschleuniger für Megatrends – also Trends, die Einfluss auf alle Bereiche unseres Lebens haben. Dazu zählt vor allem natürlich die Digitalisierung. Aber auch der Sinn nach Nachhaltigkeit und der Anspruch an Komfort wurden und werden durch Corona maßgeblich beeinflusst.  Homeoffices, virtuellen Messen und der allgemeinen Verlegung des Alltags ins Digitale steht eine neue Nostalgie und Rückbesinnung auf alte Werte gegenüber. Wie sich die Corona-Pandemie letztendlich lang- und mittelfristig auf den Konsum auswirkt, bleibt abzuwarten. Manche Forecaster sprechen von zunehmender Minimalisierung unseres Lifestyles samt bewusstem Konsum und Kaufzurückhaltung. Die anderen prognostizieren immensen Nachholbedarf und Revenge Buying, also einem belohnenden Kaufverhalten aus Rache an den äußeren Umständen. Die Wahrheit liegt wie immer womöglich irgendwo dazwischen. Dennoch gibt es spannende soziale Entwicklungen und Trends, von denen der Fashion- und insbesondere der Sportbereich inspiriert werden und sogar profitieren kann – wenn er denn mal über den Tellerrand schaut.

1 Sehnsucht nach Outdoor
Die gute Nachricht zuerst: Outdoor ist auf der Gewinnerseite. Die Sehnsucht nach Natur, nach Wald, schlicht und einfach nach dem „Draussen“ ist nicht nur ungebremst, die hat durch Corona eine neue Dimension erlangt. Das wurde spätestens nach dem Ansturm auf Winterberg sogar nachrichtenreif. Die Entdeckung von Natur als Zufluchts- und Kaftort und die Begeisterung für Outdoor-Sport gelangen von einer eingeschworenen sportiven Gemeinde immer mehr in den Mainstream. Viele Menschen haben erst durch die Pandemie-Maßnahmen Wandern, Radfahren oder Joggen für sich entdeckt. Dass diese ihre erlebnisreichen Leidenschaften in der ersehnten neuen Normalität wieder aufgeben, ist schwer vorstellbar – und somit wächst auch die Zielgruppe des Sportfachhandels. Wichtig für Marketing und Retail ist, die Motivation dahinter zu verstehen und gezielt anzusprechen. Denn neben körperlicher Betätigung sind es vor allem der Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit, der die Menschen raus bewegt. Und auch ihre Prioritäten verschiebt. Mobilität steht hoch im Kurs. Im Mai 2020 wurden beispielsweise 30% mehr Wohnmobile zugelassen als im Vorjahr. Und laut Google-Ranking stieg der Suchbegriff ”Ferienhaus kaufen“ während des ersten Lockdowns um 54 Prozent. Also werden auch Sicherheit und Investment gesucht. Fun Fact: Auch das Google-Suchvolumen für "Kunst kaufen" stieg während Pandemie um 233 % – auf Rekordhoch.

2 Grüner Daumen
Quelle: Unsplash
Unmittelbar vereint mit der Sehnsucht nach Natur ist der Megatrend Gardening. Zu den Profiteuren des ersten Lockdowns gehörten Gärtnereien. Balkone und Gärten wurden neu bepflanzt und verschönert. Vom Boom der Schrebergärten über Urban Gadening bis zu der Utopie der Selbstversorgung – gerade die Generation Millenials sehnt sich nach sich nach Grün. Dass das Thema durchaus auch Potential für den Fachhandel jenseits von Pflanzencentern und Baumärkten hat, zeigt das Beispiel von ’The Golden Rabbit‘, einem Düsseldorfer Concept Store, der bundesweit einmalig ist – und der allein Gartenzubehör verkauft. Und das im Stil einer Designer-Boutique. Gartenhandschuhe, Rechen, Scheren und Schürzen sind so emotional aufgeladen und hübsch drapiert, wie man es sonst nur von Bekleidung kennt. Wer etwas über den Tellerand schaut, sieht wie präsent das Thema im Lifestyle ist. Von den derben Gummistiefeln und Gärtnerkleidern auf dem Catwalk bei Dior bis zu den Kollektionen skandinavischer Interior-Brands wie HAY, Ferm Living oder Hübsch, die allesamt Giesskannen zum Designobjekt der Stunde erkoren haben. In den Lookbooks H/W 2021/22 vieler Modemarken stapfen Models in Gummistiefeln durch Felder und karge Winterlandschaften. Die Romantisierung des Lebens auf der Farm ist nicht nur ein Eskapismus aus dem Großstadt-Alltag, sondern auch ein Thema mit Potential für Nischenprodukte. Stylische Gummistiefel, Körbe, Gießkannen oder Pflanzensamen, sind Dinge, die als Zusatzprodukte ein Outdoor-Segment überraschend bereichern können.

3 Rauf auf’s Rad
Der Hype des Jahres 2020: E-Bikes. Drei Millionen Fahrräder und E-Bikes wurden allein in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres deutschlandweit verkauft. E-Bikes waren zeitweise sogar ausverkauft, die Läger der Radhändler über Monate leer. Dem Branchenverband Cycling Industries Europe zufolge ist der Absatz der Elektroräder in Europa im Jahr 2020 um knapp ein Viertel nach oben geschnellt, auf rund 4,5 Millionen Stück. Und glaubt man Experten, hat der Trend längst noch nicht den Zenit erreicht. „Die große Zeit der E-Bikes kommt erst noch“ titelte das Handelsblatt Anfang Januar. Kunden müssten sich auf längere Wartezeiten und höher Preise einstellen. Dass viele E-Bikes als Alternative zu Autos und ÖPNV nutzen und damit zur Arbeit fahren, stellt den Bekleidungsmarkt vor spezielle Ansprüche. So wird der Einsatz Stretch und Jersey in der Womens- und Menswear unverzichtbar. Wetterschutz, Trinkflaschen, praktische Rucksäcke und Fahrrad-Equipment und Lifestyle-Gadgets rund um die zwei Räder gehören spätestens jetzt in jedes Sortiment.

4 Die Lust auf Neues
Für viele Konsumenten war die Pandemie ein Wake-Up-Call. Endlich mal Zeit und Motivation, etwas Neues ausprobieren. Darunter Sportarten, die man immer schon mal machen wollte oder endlich mal intensiver praktizieren. Jetzt oder nie. Sofern das die Maßnahmen zuließen. So war es im Sommer zwischen den Lockdowns vor allem der Wassersport, der regen Zulauf genoss. Wakeboarden, Kitesurfen & Co. in heimischen und benachbarten Gewässern erlebten einen Run. Allerhöchste Zeit also, sich mit Trends und Entwicklungen im Sportbereich und Lifestyle auseinander zu setzen. Damit, dass Barre vielleicht das neue Ballett ist, Tai Chi das neue Yoga und Indoor Cycling das neue Bootcamp.

5 Ein Herz für Tiere
Seelentröster, Weggefährte, vierbeiniger Freund: Haustiere boomen. Während der Pandemie haben Züchter und Tierheime einen nie dagewesenen Run erlebt, leider profitierte auch das illegale Geschäft mit Tieren. Aber es zeigt: In der Not sehnen sich die Menschen nach Fellnasen. Auch wenn Tierheime wieder von Rückläufen sprechen, haben sich etliche Menschen ein Tier zugelegt, die diesen Herzenswunsch bislang immer wieder vor sich hergeschoben haben. Ein Millionengeschäft, nicht nur für Lieferanten von Tiernahrung, Spielzeug und Zubehör. Nach Food und Interieur dürften Pets der nächste Lifestyle-Megamarkt werden. Immer mehr spezialisierte Brands für Hund & Co poppen auf. Das führende Modelabel Balenciaga widmete Haustieren gerade eine Kapsel-Kollektion. Und so genannte ’Petfluencer‘ machen Influencern Konkurrenz – gemeint sind Haustiere mit eigenem Instagram-Kanal und Tausenden Followern. Der Bekannteste, der Zwergspitz Jiffpom, bringt es auf stattliche 10,4 Millionen. Mit TONY startete sogar die deutschlandweit erste Petfluencer Agentur, die sich um die sich beliebten Werbeträger auf vier Pfoten kümmert. Und für das Outdoor-Segment spannend sind natürlich vor allem Hunde als Wegbegleiter – und die brauchen Equipment wie Wander-Rucksäcke, Sportleinen, Schwimmwesten, Decken und Näpfe für unterwegs.

6 Cosy and Chill
Quelle: Mathilde Langevin
2021 ist das Jahr des Komforts. Loungewear bekommt ein Upgrade, bequeme Homeoffice-Looks erobern die Straße. Sweatsuits in edlen hellen Neutrals und lässiger Allover-Strick aus in Loose Fits gehören ganz oben auf den Orderblock. Schmale und extraweite Joggpants, Edel-Sweater und Hoodies werden edel interpretiert – mit hochwertigen Materialien und subtilem Glanz in monochromen Optiken. Spannung bringen Kontraste aus gerippt und glatt. Fliessend und standig. Wichtig: Der Look ist lässig, aber nicht nachlässig. Und der Sporthandel ist prädestiniert, ihn zu präsentieren. 
7 Let’s Play
Die Welle der Nostalgie hat die Deutschen erfasst. Gesellschaftsspiele gehörten in vielen Haushalten zur einzigen Beschäftigung im Lockdown. Brettspiele und Puzzles waren vielerorts ausverkauft. Klassiker wie ’Mensch Ärgere Dich nicht‘ und Schach erleben derzeit eine Renaissance – letzteres auch wegen der Netflix-Erfolgsserie ’Das Damen-Gambit‘. Der allgemeine Spieltrieb ist geweckt und bietet kreatives Potential für Kundenevents nach dem Lockdown. Und Impulse, einfach das Beste aus der aktuellen Situation zu machen. So wie der Hannoveraner Spielzeughändler Heinz Lehmann, der sehr erfolgreich war mit Spiele-Abenden in seinem Geschäft. Mit dem Lockdown verlegte er sie schlichtweg in Netz – als virtuelle Alternative zu Weihnachstfeiern und Firmenfesten erschloss er so ganz neue Zielgruppen und eine viel größere Reichweite. 

8 Sinn nach Gemeinschaft
Der Lockdown weckt so viele Sehnsüchte. Die größte Sehnsucht ist wohl die nach physischer Nähe, nach Begegnungen und gemeinsamen Erlebnissen. Das ist die Chance für den stationären Handel! Gerade weil Corona die Verwaisung der Innenstädte noch schneller vorantreibt, als befürchtet, ist es allerhöchste Zeit Stores nicht allein als Verkaufsorte für Ware zu begreifen, sondern als interaktive Treffpunkte, als Hub für die eigene Community, als Garant für Erlebnis und Emotion – und das stationär wie digital. Beides wird sich zukünftig nicht mehr trennen lassen.
(Karolina Landowski)

Schlüchter Astrid
Autor(in) Schlüchter Astrid

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