Dein Winter. Dein Sport. 06.10.2020, 12:13 Uhr

Zuversicht mit Verantwortung

Was bedeutet Corona für die Wintersaison 2020/21? Diese Frage war das zentrale Thema von mehreren im Sommer abgehaltenen Videokonferenzen der Initiative "Dein Winter. Dein Sport."
(Quelle: Dein Winter. Dein Sport.)
Der kommende Winter wird alles andere als einfach, es gebe aber durchaus auch Chancen in der Corona-Krise – dies ist die zentrale Erkenntnis von mehreren in diesem Sommer im Rahmen der Initiative "Dein Winter. Dein Sport." abgehaltenen Online-Videokonferenzen. Die Münchner Kommunikationsagentur TOC hatte in drei Gesprächsrunden unter anderem Prof. Hanns-Michael Hölz (Präsident von Snowboard Germany), Stefan Schwarzbach (Geschäftsführer der DSV Marketing GmbH) und Peter Hennekes (Geschäftsführer Deutscher Skilehrerverband) eingeladen. Mit Univ.-Prof. Dr. Ralf Roth vom Institut für Outdoor Sport und Umweltforschung an der Deutschen Sporthochschule in Köln war zudem ein renommierter Sportwissenschaftler zugeschaltet. Zudem gaben auch namhafte Vertreter aus der Sportartikelindustrie und dem Sportfachhandel wie Hilmar Bolle (Countrymanager für Rossignol, Dynastar und Lange), Waltraud Lenhart (Geschäftsführerin von Leki), Niko Lindauer (Head of Marketing bei Intersport Deutschland), Thomas Syring (Sales Direktor Zentraleuropa bei Thule) und Frank Burig (Geschäftsführer bei Ziener) ihre Einschätzungen ab. Die zentrale Fragestellung, die von den Experten diskutiert wurde: Was bedeutet die Coronavirus-Pandemie für die bevorstehende Wintersaison 2020/21? Und welche Auswirkungen haben Kontaktbeschränkungen, Lockdowns und Co. für den Wintersporttourismus, die Sportartikelhersteller und den Sportfachhandel?

Branche kämpft mit Unsicherheit
Egal ob Tourismus, Industrie oder Handel – alle Teilnehmer berichteten von einer Corona-bedingten Unsicherheit, die den kommenden Winter prägen werde. Denn: Der Wintersport habe aufgrund der Coronavirus-Pandemie ein Image-Problem – so der Tenor der Sprecher. Insbesondere die Vorfälle in Skigebieten wie dem österreichischen Ischgl sorgen für eine anhaltende negative Reputation in Sachen Infektionsgefahr. "Im März wurden die Skigebiete nahezu täglich in den Medien im Zusammenhang mit dem Virus genannt. Und natürlich trug das dazu bei, dass die Sorge um das Image des Wintersports größer wurde“, schilderte Hanns-Michael Hölz die Erfahrungen der Verbände. Auch Ralf Roth stimmte der Beobachtung zu, dass das Image des Wintersports unter Corona leide: "Mit dem Sport verbundene Ansammlungen wie Après-Ski, Skischulen, Unterkünfte, Veranstaltungen und Transport sind die zu lösenden Probleme", fasste er die aktuelle Situation zusammen.

Für die Skibranche erweist sich die derzeitige Situation dabei nicht nur wegen Corona als unsicher: "Was uns am meisten wehgetan hat: Der letzte Winter war unterdurchschnittlich“, sagte Hilmar Bolle von Rossignol, Dynastar und Lange. Entsprechend verhalten sei die Vororder ausgefallen. Die zusätzlich aufkommende Pandemie habe einen weiteren Teil zu der derzeitigen Unsicherheit beigetragen. Die Konsequenz: Im Winter 2021/22 wird das Unternehmen mehr als gewohnt auf Durchläufer setzen, manche Neuentwicklung bei Schuhen oder Skiern wird zurückgestellt – ein Konzept, wie es viele Hersteller verfolgen. Die Firmen betonten allerdings auch, dass es nicht infrage komme, ganz auf Neuheiten zu verzichten: "Von Innovationen lebt der Sport und die ganze Sportbranche", meinte beispielsweise Ziener-Geschäftsführer Frank Burig. Gerade im Textilbereich brauche man, so Burig, neue Anregungen, um einen Kaufreiz zu schaffen. Zugleich gelte es, den Handel mit einer Risikominimierung zu unterstützen. Das betreffe gerade den Standardhandschuhbereich, wo Ziener auf eine größere Zahl an Durchläufern zurückgreifen wird. Das erhöhe die Planungssicherheit, der Handel bleibe lieferfähig und Ziener ebenfalls, fügte Burig an. Von einer generellen Unsicherheit sprach auch Leki-Geschäftsführerin Waltraud Lenhart: "Es gibt viele Fragen wie: Bleiben die Aufträge bestehen? Was passiert, wenn der Winter nicht stattfinden kann wie geplant?", sagte sie, um zugleich zu betonen, dass man diese Situation nun annehmen müsse.

Chancen in der Krise
Denn egal ob negative Reputation aufgrund von Après-Ski-Vorfällen im letzten Winter, verhaltene Vorordern oder eine allgemeine Unsicherheit angesichts der COVID-19-Pandemie – im Laufe der verschiedenen Videokonferenzen betonten die Experten nämlich auch, dass man die Chancen, die die derzeitige Situation bietet, nutzen wolle. Insbesondere die erhöhte Nachfrage nach Outdooraktivitäten im Sommer macht den Wintersportfirmen Mut. Lenhart berichtete so zwar einerseits von einem starken Umsatzrückgang in den Lockdown-Monaten März und April, zeigte sich aber dank einer starken Nachfrage im Sommer unmittelbar nach den ersten Lockerungen zuversichtlich. "Die Leute zog es in die Berge und einfach raus, auch im Flachland", stellte sie fest. Nordic Walking erlebte laut den Herstellern genauso einen Boom wie die Bereiche Bike, Wandern und Trailrunning. Auch das Fitnesssegment sei, so Intersport-Marketingleiter Niko Lindauer, erstaunlich gut gelaufen: "Der Lockdown hat uns getroffen. Umso überraschender und positiver war die Zeit danach", ergänzte er.

Während die Hersteller für den Winter auf das gestiegene Interesse an Aktivitäten in der Natur hoffen, arbeiten die Touristiker mit Hochdruck an Konzepten, um auch während der Corona-Pandemie eine Schneesportsaison zu ermöglichen. Die große Aufgabe: Das durch Corona entstandene Image-Problem aufzulösen und zugleich Vorkehrungen für einen sicheren Pistenbetrieb zu treffen: "Die Kritik an der teils sorglosen Partyszene mag berechtigt sein. Im Hinblick auf die nächste Wintersaison ist allerdings eine Differenzierung wichtig", sagte DSLV-Geschäftsführer Peter Hennekes und verwies damit auf den Unterschied zwischen Après-Ski-Tourismus und dem Sport selbst. Denn in seiner Grundnatur sei der Wintersport alles andere als riskant: "Der Wintersport ist ein Outdoorsport und gehört damit nicht zu den eigentlichen Risikosportarten für COVID-19. Beim Pistenskilauf stehen in der Regel mehr als 100 Quadratmeter pro Person zur Verfügung. Ein ausreichender Sicherheitsabstand ist zudem in den FIS-Verhaltensregeln bereits fixiert", ergänzte Ralf Roth, der zudem hervorhob, dass die Bewegung an der frischen Luft und die Selbstverständlichkeit von Mund-Nase-Bedeckungen beim Skifahren und Snowboarden zusätzlich für den Sport sprächen. Helfen sollen zudem Sicherheitsinitiativen in den Tourismusdestinationen. Die großen Problemzonen sind dabei alle Orte, an denen sich Menschen ansammeln können – etwa beim Warten am Lift oder in den Skihütten. Hier seien entsprechende Hygienekonzepte notwendig. Mögliche Lösungswege seien etwa die Entzerrung der Besucherströme durch verlängerte Öffnungszeiten, die stärkere Lenkung der Gäste über die Liftanlagen oder eben die Einschränkung der Kapazitäten, so die Vorschläge der Verbandssprecher.

Vorsichtige Prognose der Touristiker
Aktuell erleben die Tourismusregionen zwar eine hohe Nachfrage für den Winter, berichteten die zu den "Dein Winter. Dein Sport."-Konferenzen geladenen Touristiker, jedoch ein aufgrund der bestehenden Unsicherheiten zurückhaltendes Buchungsverhalten. Dennoch waren sich die Teilnehmer einig, dass der Wintersport durchaus seine berechtigte Chance in den kommenden Monaten habe. Ralf Roth schrieb so dem Langlaufsport, dem Skitourenbereich und dem Winterwandersektor aufgrund der geringen Infektionsgefahr große Möglichkeiten zu. Auch kleinere, nähere Skigebiete, in denen der Sport im Mittelpunkt steht, könnten profitieren. Roth: "Bei Google Maps gab es im Sommer bis zu 430 Prozent mehr Suchanfragen in Sachen Outdooraktivitäten. Wir erwarten, dass sich dieser Trend fortsetzt. Gewöhnlich ist es so, dass die Sehnsucht nach dem Draußensein größer wird, wenn es dunkler und kälter wird. Und das wird auch im kommenden Winter der Fall sein – insbesondere, weil sich der Wintersport wunderbar als Sport für diesen Zweck eignet." 

Darüber hinaus verbindet die Hoffnung, neues Klientel zu gewinnen, die Sportartikelindustrie und die Tourismusbranche: Im Sommer sei dies bereits gelungen: Gerade junges Publikum habe den Touristikern zufolge die Berge neu für sich entdeckt. Darin sehen alle Beteiligten eine Chance. Frank Burig von Ziener formulierte es so: "Individualsport" – und dazu gehöre auch das alpine Skifahren – "in der freien Natur ist doch das Ideale für die jetzige Situation. Ich glaube, das ist eine Riesenchance für uns, Leute zurückzugewinnen für den Schneesport." 

Autor(in) Werner Müller-Schell


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