Interview 24.11.2020, 08:30 Uhr

Einkaufen ist auch in Pandemiezeiten sicher!

…so die Meinung von HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit das bei den Kunden ankommt. Genth weiß auch, dass es ohne staatliche Unterstützung knapp werden könnte. sport+mode hakt nach...
HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth
(Quelle: HDE)
Ein neuer Lockdown, wenn auch als Light-Variante angekündigt, tritt ab dem 2.11.2020 in Kraft. Denken Sie die Maßnahmen waren tatsächlich notwendig?
Das ist sehr schwierig zu beurteilen. Aber die Maßnahmen treffen Gesellschaft und Wirtschaft hart, keine Frage. Grundsätzlich ist es aber richtig, alles Erforderliche zu tun, um die Pandemie zu bekämpfen. Ohne entsprechende Maßnahmen wären die Kosten gesellschaftlich und somit auch wirtschaftlich sicher noch höher. 
…und was bedeutet dies am Ende für den Einzelhandel, auch wenn er nicht direkt von den Beschlüssen betroffen ist?
Für den gesamten Einzelhandel ist es erst einmal gut, dass er nicht schließen muss. Die Politik wusste die funktionierenden Hygienekonzepte in der Branche offenbar zu würdigen. Viele innerstädtische Einzelhändler insbesondere aus der Textilbranche aber wird es trotzdem hart treffen. Denn die Maßnahmen und Appelle führen am Ende dazu, dass noch weniger Kunden den Weg in die Innenstadt finden. Deshalb müssen auch unsere von der Schließung der Gastronomie betroffenen Händler unterstützt werden.
 
Das öffentliche Leben wird durch die Schließung der Restaurants, etc.) weitgehend heruntergefahren wird. Denken Sie – im Hinblick auf Weihnachten, dass Kunden dennoch den Weg in den stationären Handel wagen?
Einkaufen ist auch in Pandemie-Zeiten sicher. Die Hygienekonzepte der Handelsunternehmen haben sich bewährt. Und doch ist zu befürchten, dass deutlich weniger Kunden als normalerweise den Weg in die Innenstädte finden werden. Deshalb sind staatliche Hilfen gefragt. 
 
Dazu kommt die generelle Ungewissheit in der Gesellschaft, wie sich die Pandemie in Zukunft noch auswirken könnte – viele bangen um ihren Job. Wird sich das auf das vorweihnachtliche Konsumverhalten auswirken?
Die Konsumstimmung leidet unter der Pandemie-Situation. Das zeigt auch das aktuell sinkende HDE-Konsumbarometer. Die Verbraucher halten ihr Geld angesichts vieler Unsicherheiten oft lieber zusammen. Trotz allem werden die Verbraucher sicherlich Geschenke zu Weihnachten kaufen. Es wird aber wohl zu Umsatzverschiebungen zwischen den Vertriebskanälen kommen. Der Online-Bereich wuchs ja bereits in den vergangenen Monaten erheblich.
 
Das Dilemma: Bereits nach dem ersten Lockdown war es für viele Einzelhändler fast schon unmöglich, wieder auf die Beine zu kommen – steuern wir 2021 auf eine Insolvenzwelle zu?
Durch die Corona-Krise könnten 50.000 Handelsstandorte verloren gehen. Es wird eine Insolvenzwelle geben, ohne Zweifel. 
 
Was muss jetzt vom Staat kommen – Stichwort finanzielle Hilfen? Wie unterstützt hier der HDE den Handel? 
Der Staat muss seine Überbrückungshilfen weiter ausbauen und die Kriterien für die Inanspruchnahme auch an die Bedürfnisse der Händler anpassen. Denn die Margen im Handel sind oft geringer als in anderen Branchen. Da genügt es, wenn beim Umsatz bereits beispielsweise 20 Prozent wegbrechen. Dann ist das oft wirtschaftlich nicht mehr darstellbar. Zudem müssen dringend auch Einzelhändler in den Genuss der Nothilfen kommen. Denn obwohl die Geschäfte in den Innenstädten geöffnet bleiben dürfen, gehen Kundenzahl und Umsätze zurück. Das in der Pandemie verordnete Herunterfahren des öffentlichen Lebens wird dafür sorgen, dass nur wenige Kunden den Weg in die Stadtzentren zum Einkaufen finden. Ohne Kunden droht dem innerstädtischen Handel eine einem Lockdown mit Geschäftsschließungen ähnliche Situation. Mietkosten laufen weiter, während die Umsätze fehlen. Deshalb muss die Bundesregierung auch Handelsunternehmen mit einem entsprechenden Umsatzausfall in ihr Unterstützungsprogramm aufnehmen. Hierzu steht der HDE in intensiven Gesprächen mit der Politik und den Ministerien.
 
Ein weiteres Problem: der schleichende Prozess der Verödung der Innenstädte. Schon vor Corona hatten Regionen damit zu kämpfen – Wirtschaftsminister Altmaier hatte deswegen zusammen mit Handelsvertretern nach Lösungen gesucht – denken Sie wir brauchen ein Umdenken im Einzelhandel, in Richtung neue Konzepte, neue Möglichkeiten, etc..? 
 Wir brauchen vor allem die Zusammenarbeit aller Beteiligten. Die Politik auf allen Ebenen, der Handel, die Gastronomie und alle in der Innenstadt aktiven Branchen müssen an einem Strang ziehen. Als HDE fordern wir deshalb einen Innenstadtfonds. So sollen individuelle und passgenaue Konzepte für die Innenstädte erarbeitet werden. Der Branchenmix muss stimmen, damit die Kunden die Innenstadt als attraktiv empfinden. In der Tat brauchen wir daher neue Konzepte für attraktive Innenstädte.
 
Schon vor Corona liefen viele Online-Händler dem stationären Handel den Rang ab. Generell hat die Pandemie manches nur beschleunigt. Was hat der Einzelhandel verschlafen? 
Der Online-Handel ist schon seit einigen Jahren der Wachstumstreiber Nummer eins im Handel und profitiert in diesem Jahr noch einmal zusätzlich von den mit der Pandemie verbundenen Einschränkungen. Viele stationäre Händler haben darin auch ihre Chancen erkannt und sind selbst online aktiv geworden. Aber oft waren die Hemmschwellen und die finanziellen Investitionen schlicht zu groß. Deshalb sensibilisieren wir als HDE unsere Mitgliedsunternehmen schon länger, um zu prüfen, ob und wie ein Online-Engagement sinnvoll sein könnte. Derzeit tun wir das gleich mit drei Initiativen. Gemeinsam mit Google bei der Initiative ZukunftHandel, im Verbund mit Amazon bei Quickstart Online und über das vom Bundeswirtschaftsminister finanzierte Kompetenzzentrum Handel. Es geht jetzt darum, den Handelsunternehmern Ängste zu nehmen und zu zeigen, wo die Chancen eines Online-Standbeins liegen. Aber gerade in einer Zeit, in der die finanziellen Rücklagen vieler Händler durch die Corona-Krise aufgebraucht sind, können die Unternehmen die notwendigen Investitionen nicht mehr alleine stemmen. Viele Händler sind hier unverschuldet in Not geraten und können jetzt keine Investitionen in die Zukunftsfähigkeit ihres Unternehmens tätigen. Deshalb fordert der HDE einen Digitalisierungsfonds in Höhe von 100 Millionen Euro, mit dem der Staat den Betrieben helfen soll, die notwendigen Investitionen für die Zukunft zu stemmen.
Ein Blick in die Zukunft – sehen Sie in der aktuellen Entwicklung auch Chancen?
Eine Chance ist sicher, dass auch Händler, die das bisher eher gescheut haben, jetzt ein Online-Standbein aufbauen. Denn in der Kombination aus beiden Kanälen liegt die Zukunft. Eine möglichst intelligente Verknüpfung aus On- und Offline bietet viele neue Service-Möglichkeiten. Eine weitere Chance für den Einzelhandel ist die durch die Krise und die zeitweiligen Geschäftsschließungen gestiegene Wertschätzung bei den Verbrauchern. Viele Kunden haben zum ersten Mal erlebt, wie groß die Leistung des Lebensmitteleinzelhandels ist, um uns alle Tag für Tag zu versorgen. Und viele haben während der Schließung des Nicht-Lebensmittelhandels bemerkt, wie wichtig der Handel vor Ort für den Alltag und die Innenstädte ist. Ich hoffe sehr, dass ein Teil dieser gestiegenen Wertschätzung für die gesamte Handelsbranche erhalten bleibt.
Vielen Dank für das Gespräch.

Schlüchter Astrid
Autor(in) Schlüchter Astrid

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