Covid-19 14.04.2021, 13:01 Uhr

Einzelhändler in 325 Kreisen und Städten vor dem dritten Lockdown!

Bundes-Notbremse: Von den 412 Landkreisen und Städten in Deutschland wären laut RKI aktuell 325 von erneuten Schließungen betroffen!
Matthias Peters, Geschäftsführer MP Associates, Digital Fashion und Lifestyle Expertise
(Quelle: Falkensteg)
Das Bundeskabinett hat am Dienstag, 14.4.2021 die Bundes-Notbremse beschlossen. Darin werden Ausgangsbeschränkungen und die Schließung von Läden nun bundeseinheitlich geregelt. Gelten sollen diese und andere Beschränkungen, wenn in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt an drei aufeinanderfolgenden Tagen die 7-Tage-Inzidenz über 100 liegt. Läden, Freizeit- und Kultureinrichtungen sowie die Gastronomie müssen dann wieder geschlossen werden. Von den 412 Landkreisen und Städten in Deutschland wären laut RKI aktuell 325 von den Schließungen betroffen. Das Gesetz soll nun in einem beschleunigten Verfahren vom Bundestag beschlossen werden und den Bundesrat passieren.

Kurzfristige, pragmatische Lösungen erforderlich
Viele Händler und Hersteller müssen nun ihre Geschäftsmodelle von Grund auf überprüfen und für weitere Verlängerungen des Lockdowns Sofortmaßnahmen zügig umsetzen. Zudem steht die Planung für die Herbst/Winter-Kollektion und teilweise schon für das Frühjahr/Sommer 2022 an. Hierbei stellen sich die Fragen, wie ist mit Altbeständen umzugehen, wie kann die Sortimentsstruktur optimiert werden, welche Standorte haben zukünftig noch eine Daseinsberechtigung und welche zusätzlichen Vertriebschancen im Kundenzugang sind möglich? „Die Konsumenten lernen gerade, ohne das Shopping-Erlebnis in der Innenstadt auszukommen. Der stationäre Handel hat lediglich die Möglichkeiten, sein Geschäft mit der Onlinewelt zu verknüpfen oder zu ergänzen“, so Matthias Peters, Geschäftsführer der MP & Associates, Digital Fashion und Lifestyle Expertise. Kurzfristig könnten für den Fashion-Experten nachfolgende Maßnahmen umgesetzt werden: die Anbindung an Marktplätze wie Zalando-Connected-Retail oder Schuhe.de, der Aufbau von Social-Media-Accounts, um Kundeninteraktion beispielsweise durch eine Live-Beratung zu stärken, sowie die Kooperation mit Lieferdiensten aus dem Lebensmittelhandel. „Die Kunden können auf der Webseite des Einzelhändlers die Ware aussuchen und dann bringt ein Lieferdienst die Bekleidung in verschiedenen Größen innerhalb von zwei bis drei Stunden nach Hause. Die Retoure kann später ebenfalls der Lieferdienst übernehmen. Das schafft kein großer Versandhandel und bindet den Kunden an den Einzelhändler“, so Matthias Peters.

Liquidität sichern
Neben den kurzfristigen Maßnahmen müssen die Händler und Hersteller ganz besonders ihre Liquidität im Auge behalten, denn die Liquiditäts- und Eigenkapitalpuffer vieler Unternehmen sind stark angegriffen. Normalerweise werden mit den aktuellen Einnahmen neue Waren oder Rohstoffe für die Produktion eingekauft. In den vergangenen Monaten brachen die Umsätze jedoch stark ein und mit den erhaltenen Hilfsmaßnahmen wurden hauptsächlich Verluste ausgeglichen. Somit fehlt jetzt das Geld, um den Aufschwung und die nächsten Kollektionen vorzufinanzieren. „Reichen die Reserven nicht aus und kann der Finanzierungsbedarf nicht gedeckt werden, dann droht dem Unternehmen eine Liquiditätskrise, die in einer Insolvenz enden kann“, so Wolfram Lenzen. Bei der Generierung von Liquidität ist zwischen der Innenfinanzierung und der Außenfinanzierung zu unterscheiden.
Die Möglichkeiten der Innenfinanzierung dürfte bei vielen Unternehmen allerdings ausgeschöpft sein, denn der Abverkauf von Lagerbeständen, der Verkauf nicht betriebsnotwendigen Vermögens sowie die Ausweitung von Lieferantenkrediten in Form einer Verlängerung der Zahlungsziele sind schon erfolgt. Insofern bleibt die Außenfinanzierung mit der Aufnahme von Fremdkapital wie beispielsweise die staatlichen Hilfskredite oder die klassische Bankenfinanzierung. Dafür müssen aber ausreichend Sicherheiten zur Verfügung stehen. Darüber hinaus benötigt das Unternehmen ein Sanierungskonzept, welches die Sanierungsfähigkeit des Unternehmens aufzeigt. Die Banken sind aktuell aufgrund der Branchenaussichten und der rigiden Vorgaben bei der Kreditvergabe sehr zurückhaltend. Kommt eine Finanzierung nicht zustande, müssten Gesellschafter Eigenkapital hinzuschießen oder neue Investoren Liquidität zur Verfügung stellen.

Sanierung in der Eigenverwaltung
„Aber auch innerhalb eines Insolvenzverfahren kann ein Hersteller und Händler umfänglich saniert und auf ein neues Geschäftsmodell ausgerichtet werden“, erklärt Sanierungsexperte Wolfram Lenzen. Das Eigenverwaltungsverfahren bietet dem Unternehmen weitreichende, gesetzliche Erleichterung zur Umsetzung einer Sanierung. So können unrentable Verträge innerhalb von drei Monaten gekündigt werden. Darüber hinaus wird ein erforderlicher Personalabbau erleichtert. Liquiditätsseitig wird durch die Übernahme der Lohn- und Gehaltszahlungen für drei Monate durch die Bundesagentur für Arbeit sowie durch das Abschneiden von Altverbindlichkeiten häufig ein deutlicher Liquiditätspuffer erzeugt. Das Sanierungskonzept kann der Unternehmer mit einem Berater gemeinsam entwickeln und umsetzen.

Der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof, Esprit, Sinn und Bonita sind diesen Sanierungsweg im vergangenen Jahr mit Erfolg gegangen. Damit zählen sie zu den 36 Modeunternehmen und -hersteller mit einem Umsatz größer zehn Mio. Euro, die in 2020 eine Insolvenz anmelden mussten. Das waren fast dreimal so viele wie noch im Jahr 2019 als 13 Modeunternehmen in die Pleite rutschten, so der Insolvenzreport der Unternehmensberatung Falkensteg. (Quelle: Falkensteg)

Susa Schreiner
Autor(in) Susa Schreiner


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