Welcher Sport ist morgen?


Wie sieht der Sport der Zukunft aus? Welche Trendsportarten entwickeln sich und welche Sportformen verschwinden von der Bildfläche? Wer wird in Zukunft sportlich aktiv sein – eine breite Masse oder wenige Leistungsträger? Diese Fragen entscheiden darüber, wie sich die Handelslandschaft entwickeln wird

Grundsätzlich werden Sportentwicklungen von drei großen Einflussfaktoren geprägt – demografischen Entwicklungen, Urbanisierung und Migration“, erklärt Professor Dr. Christian Wopp von der Universität Osnabrück. In Zukunft leben immer mehr ältere und weniger jüngere Menschen in Deutschland. Weniger Menschen wandern hinzu, was dazu führt, dass die Bevölkerungszahl insgesamt zurückgeht. Die Geburtenrate ist und bleibt niedrig; gleichzeitig steigt die Lebenserwartung.

Trend zu Ausdauersport hält an

Vor diesem Hintergrund erläutert Wopp, dass ältere Menschen vor allem Gesundheits- und Fitnesssportformen bevorzugen, da diese bis ins hohe Alter betrieben werden können. Daher bestimmt das Thema Ausdauer in verschiedenen Formen wie Wandern, Walking, Jogging, Marathon, Fahrrad, Inlineskating, Schwimmen oder Skilanglaufen den Sport der Zukunft. Die Überalterung der Gesellschaft und der Bewegungsmangel bei Kindern führen dazu, dass Sportarten auf dem Vormarsch sind, die vergleichsweise geringe körperliche Ansprüche erfordern und die über mehrere Generationen hinweg ausgeübt werden können. Außerdem werden die von Frauen dominierten Sportarten und -formen im Freizeitsport an Bedeutung gewinnen. Grund dafür ist, dass Frauen einen größeren Bevölkerungsanteil stellen als Männer und eine höhere Lebenserwartung aufweisen. Wopp beobachtet eine zunehmende Feminisierung im Sport, zum Beispiel die Sportart Flagfootball als Variante des American Football ohne gegnerischen Körperkontakt, oder Tae Bo als Boxtraining in Form von Fitnesstraining.

Jüngere Städter folgen sportlichen Moden

Der angesprochene Bevölkerungsrückgang in Deutschland wird sich nicht gleichmäßig verteilen. Von Zuzügen profitieren in erster Linie die urbanen Zentren, wohingegen sich ländliche Regionen zunehmend entleeren. Jüngere Menschen in urbanen Zentren nutzen besteh­ende Flächen (Plätze, Wände), um eher modische Sportformen auszuprobieren. „Diese besitzen vermutlich nur eine begrenzte Halbwertzeit und werden vielleicht in einigen Jahren schon wieder verschwunden sein, um neuen Trendsportarten Platz zu machen“, sagt Wopp. Ältere Menschen nutzen den urbanen Raum vor allem für Ausdauersportformen. Vor Ort dominieren bei den Jüngeren die Teamsportarten und bei Älteren die Gesundheits- und Fitnessangebote, wie Rückentraining und Herz-Kreislauf-Training.

Die über 40-Jährigen prägen den Sport der Zukunft

Laut Wopp wird im Jahr 2050 mehr als die Hälfte aller unter 40-Jährigen in Deutschland einen Migrationshintergrund haben. Migranten seien in der Regel weniger sportaktiv als Menschen ohne Migrationshintergrund, sagt er. Bevorzugt werden vor allem Mannschafts- und Kampfsportarten. Eine Prognose dazu, ob sich das Sportengagement der Migranten dem Sportengagement der üblichen Bevölkerung angleichen wird, hält Wopp für schwierig. Sein Fazit: „Der Sportmarkt wird nicht rückläufig sein, weil ältere Menschen zunehmend länger sportaktiv bleiben als frühere Generationen. Große Zuwächse wird es angesichts der Bevölkerungsentwicklungen auch nicht mehr geben. Die über 40-Jährigen werden in den kommenden Jahren den Sport bestimmen. Jüngere Menschen bevorzugen Trendsportarten im Sinne von Moden, die sie in urbanen Räumen ausüben können.“

Mit den Merkmalen von Trendsportarten und zukünftigen Trends im Sport beschäftigt sich auch Dr. Anne Schildmacher, Inhaberin der Sport- und Marketingagentur 9pm-media. Auch sie hat herausgefunden, dass die aktuellen Sporttrends nicht von der Jugend, sondern von den Älteren geprägt werden. „Nordic Walking und der Wellness-Boom sind definitiv keine Kinder des Jugendkults“, sagt Schildmacher. „Je älter die Menschen sind, die einem Trend folgen, desto länger hält der Trend an“, sagt sie und führt als Beispiel den Golfsport an. Hier sei die Klientel deutlich älter als etwa bei Bungeejumping. Daher werde Golf weiter Zulauf verzeichnen, möglicherweise zum Volkssport avancieren. Bei der Generation 60+ seien eher dauerhafte Entwicklungen zu erwarten, wohingegen sich die Trends der Jugend schneller ablösen. Aus diesem Grund wird sich der Sport immer mehr zu einer Form der Gesundheitserhaltung entwickeln, ist sich Schildmacher sicher. Walking, Yoga oder Fitnessformen wie Pilates seien im Büro mittagspausentauglich. Um sich einen fitten, Arbeitnehmer zu erhalten und Ausfallzeiten gering zu halten, richtet sich die Infrastruktur der Unternehmen zunehmend auf Sport aus (Umkleiden, Duschen, Kursangebote, etc.), beobachtet Schildmacher.

Kleinflächen haben es schwer

Die Sportarten diversifizieren sich, was bedeutet, dass es innerhalb einzelner Sportarten zu immer stärkeren Spezialisierungen kommt. Dies wird auch konkrete Auswirkungen auf den Sportfachhandel haben, prognostiziert Schildmacher: „Die Tortenstücke werden immer kleiner.“ Das heißt, eine massentaugliche Ausrichtung des Sportfachhandels wird schwieriger. „Kleinere Sportfachgeschäfte werden es in Zukunft schwer haben, denn sie können aufgrund fehlender Ladenfläche kein umfangreiches Angebot offerieren. Außerdem verschwindet der klassische Stammkunde langsam aus den Geschäften. Im Gegenzug etabliert sich das Onlineangebot für Produkte aller Art als Einkaufsquelle Nummer eins.“ Flagshipstores einzelner Sportmarken sowie große Sportgeschäfte, die dem Kunden stets eine Produktvielfalt und Entscheidungsvarianz bieten, werden erfolgreich sein.

Best Ager gehen ins Fachgeschäft

Schildmacher stellt fest, dass mit zunehmendem Alter uns steigender Liquidität mehr Geld in den Sport investiert wird. „Best Ager sind es nach wie vor gewöhnt, in ein Fachgeschäft zu gehen und sich beraten zu lassen“, sagt sie. Die folgenden Generationen hingegen informieren sich über die Qualität von Produkten im Internet, bestellen online und tauschen sich über Erfahrungen aus, speziell in Web-Foren und in sozialen Communities wie Facebook und StudiVZ.

Auf Herstellerseite werden bei Freizeit- und Breitensportprodukten die Komplettanbieter eine tragende Rolle spielen. Je technisierter und individueller eine Sportart ist, desto eher hält ein spezialisiertes Unternehmen das optimale Produkt bereit, sagt Schildmacher. Auch die großen Handelsketten wie Aldi und Lidl sichern sich ein Stück vom Kuchen. „Sie haben ein gutes Scanprogramm für Tendenzen im Sportbereich und bieten vernünftige Produkte zu sehr günstigen Preisen“, warnt Schildmacher.

Nachwuchsfußball boomt wie nie zuvor

Welche Trendsportarten in Zukunft entstehen und/oder sich dauerhaft etablieren, ist schwierig vorherzusagen. Laut Schildmacher hat das Kitesurfen bereits das Potenzial bewiesen, sich massentauglich zu entwickeln. Außerdem boomt der Fußball, vor allem im Nachwuchsbereich, sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen. Besonders der Frauenfußball ist positiv vorangeschritten, wohingegen die Anzahl aktiver Ü30-Spieler absinkt. Der Fußball als Ganzes wird also jünger und weiblicher. Die starke Sportnachfrage von Frauen und Mädchen wird sich voraussichtlich fortsetzen, was nicht zuletzt dem Sportfachhandel ungeahnte Möglichkeiten eröffnet.