Tennismarkt: Die Damen machen's vor


Andrea Petkovic, Sabine Lisicki, Angelique Kerber, Julia Görges – diese Namen zaubern Tennisfans ein Lächeln aufs Gesicht. Denn: Das deutsche Damentennis ist auf dem Vormarsch. Erkennen auch die führenden Tennismarken einen Aufwind? Und welche Themen diskutiert die Szene derzeit?

Die Entwicklung des deutschen Tennismarktes ist positiv, die vergangenen Jahre brachten regelrecht Aufbruchstimmung. Diese Statusmeldung mag recht banal klingen, ist aber umso bemerkenswerter, ruft man sich den Einbruch des Tennismarktes nach den Karriereenden von Graf & Co. in Erinnerung. Wie so oft wird das derzeitige Stimmungshoch durch herausragende Leistungen von Topspielern ausgelöst, was einmal mehr dokumentiert, wie abhängig der Sportmarkt von Stars ist. In Deutschland liegen bezogen auf sportlichen Erfolg und Aufmerksamkeit die Tennisdamen derzeit klar vor den Herren, weswegen sich Michael Schwarz, Sales- und Marketingmanager ­Babolat, wünscht, dass „auch die Herren von diesem Aufwind profitieren und an die ­Erfolge anknüpfen können.“

Aufbruch zu neuen Ufern?

Von einigen Marken ist zu hören, dass auch das neue Präsidium des Deutschen Tennis Bundes (DTB) Einfluss darauf hat, wo die Reise im deutschen Tennis insgesamt hingeht. Dennis Fabian, Sportmarketingmanager bei Prince Sports, sagt: „Wir denken, dass ein Umbruch insgesamt im Tennis stattfindet. Viel wird diskutiert, was beim DTB unter der neuen Führung passiert.“ Diese ist seit ­November 2011 im Amt und seitdem bereits intern und öffentlich heftig kritisiert worden. Vor sechs Monaten löste Karl-Georg Altenburg (Deutschlandchef der Investmentbank JPMorgan) Georg von Waldenfels als Präsidenten des DTB ab. Gemeinsam mit einem neuen Team versprach Altenburg, den DTB in eine neue Richtung führen und modernisieren zu wollen. Um diese Ziele auch optisch zu untermauern, wurde sogar ein neues Logo entworfen. Mittlerweile beklagen aber einige Verbandsmitglieder die Unruhe im DTB und die Tatsache, dass der versprochene Aufbruch zu neuen Ufern gänzlich fehle.

Nichtsdestotrotz spricht auch Marc Holldorf von Tecnifibre (Vertrieb über MTS) von einem allgemeinen Aufwärtstrend im deutschen Tennismarkt. „Die Erfolge der deutschen Tennisdamen sorgen für eine Rückkehr von Tennis in die Massenmedien“, freut er sich. Zudem seien in einigen Landesverbänden – wenn auch moderate – Zuwächse bei Kindern zu verzeichnen, weiß Frank Binder, Marketingmanager bei Dunlop. Diese Entwicklung sei für Dunlop sehr bedeutsam, „da eine frühe Markenbindung gleichzeitig auch Kundenbindung bedeutet“. Und Claus-Peter Lander, European Sales Manager für Pacific, pflichtet bei: „In den aktiven Vereinen mit guter Trainerstruktur haben die Kinder- und Jugendbereiche hervorragende Zuwächse.“ Holldorf (Tecnifibre) ergänzt dazu: „Ein gefühlter Trend im Freizeittennis scheint zu sein, dass Tennis wieder auf dem besten Wege ist, cool und in zu sein bei den Kids und Jugendlichen.“

Einige Marken setzen mit speziellen Förderprogrammen deutliche Zeichen in Richtung Nachwuchs, zum Beispiel das „Next Generation Juniorteam“ von Tecnifibre, das „Prince Who‘s next“ von Prince Sports oder das „DSquad“ von Dunlop. Gleichzeitig haben ältere Freizeitspieler, für die der Komfort das wesentliche Kriterium bei der Materialwahl ist, einen hohen Stellenwert bei den Herstellern. Armverträglichkeit und Dämpfungseigenschaften sind für diese Zielgruppe wichtige Schlägermerkmale.

Onlinehandel weiter stark

Weitere Diskussionsthemen neben den Unruhen im DTB und dem allgemeinen Tennisaufschwung in Deutschland sind: der Onlinemarkt und die damit verbundene Preissituation, die Initiative „Play and Stay“ sowie neue Materialien und Technologien. Generell ist der Onlinehandel mit Tennisartikeln sehr stark. Diesen Umsatzkanal lassen sich die Hersteller nicht entgehen, auch wenn die meisten ihre Partnerschaften zum Fachhandel betonen. „Wir versuchen, insgesamt jedem Vertriebskanal gerecht zu werden. Es ist aber eindeutig zu erkennen, dass die Onlineversender am stärksten wachsen“, sagt Dennis Fabian von Prince. Und Pacific-Verkaufsleiter Claus-Peter Lander erklärt: „Pacific ist seit Jahrzehnten als aktiver Partner des Fachhandels bekannt. Die Nachfrage durch den Onlinehandel wächst stetig und wird durch ergänzende Konzepte bedient.“

Horst Denzer, Deutschland-Verkaufsleiter Yonex, sagt: „Für uns spielen die Onlineversender, insbesondere Tennispoint und Tennis-Warehouse, eine deutlich größere Rolle als die verbandsgebundenen stationären Händler.“ Grund sei, dass die Verbände ihren Mitgliedern oft nur wenige gelistete Produkte anböten, während der Versender häufig das komplette Programm kaufe.

„Tennis der Zukunft“

Holldorf (Tecnifibre) beschreibt die steigenden Preise für die Fertigung in Asien als Problem. Denn der stark ausgeprägte Onlinehandel sorge dafür, dass der Gesamtmarkt „unter einem ziemlichen Preisdruck bei den erzielbaren Abgabepreisen an den Endverbraucher leidet“. Als wesentliche Pluspunkte in der heutigen Clublandschaft lobt er hingegen die Einführung der Leistungsklassen, die bundesweite Aktion „Deutschland spielt Tennis“ zum einheitlichen Saisonauftakt und das „Play and Stay“-Konzept, eine Trainingsinitiative für Tennisanfänger.

Laut Babolat-Marketingmanager Michael Schwarz ist der deutsche Markt besonders offen für technische Innovationen. Dies will die französische Firma nutzen und stellt unter dem Titel „Tennis der Zukunft“ im Rahmen der French Open (Roland Garros, 22. Mai bis 10. Juni) einen neuen Schlägerprototypen öffentlichkeitswirksam vor. Schwarz verriet sport+mode vorab: „Es handelt sich dabei um das Play&Connect-Racket, ein Schläger, der schlägerspezifische Daten während des Spiels aufzeichnet und ungeahnte Spielanalysen ermöglicht.“ Ab September sollen 100 Play&Connect-Prototypen weltweit in Clubs und von Trainern getestet werden. Die Markteinführung ist für 2013 vorgesehen.

Nach herstellerübergreifenden Produkttrends gefragt gibt es keine einheitliche Aussage der Hersteller. Während Claus-­Peter Lander (Pacific) keine einschneidenden Produktneuheiten sieht, sagt Fabian (Prince): „Die Entwicklung im Saitenbereich ist sicher ernst zu nehmen.“ Und Holldorf (Tecnifibre) nennt konkret die All-in-one-Saiten, welche „die beiden fundamentalen Technologien in der Herstellung von Tennissaiten vereinen: Multifilament-Polyurethan und Polyester-Monofilament.“ Denzer (Yonex) sieht in dunklen, grafitfarbenen ­Saiten einen optischen Trend.
Für die Zukunft haben die Marken unterschiedliche Vorstellungen und Ziele. Einig sind sie sich jedoch darin, dass das Spiel an sich noch athletischer und schneller werde, was dahingehend Einfluss auf die Hersteller habe, als dass diese den Spielern das entsprechende Material an die Hand geben.

Trend zum Komplettanbieter

Pacific setzt darauf, dass der Verbraucher Marken mit Qualität und Produkte „Made in Germany“ sucht. Im Racket-Bereich sieht Claus-Peter Lander Pacific als „neuen starken deutschen Lieferanten auf dem Vormarsch“.
Tecnifibre will zum einen verstärkt mit seinen Bällen in Deutschland Fuß fassen. Holldorf bezeichnet es dabei als gute Basis, dass zehn Prozent der ATP-Turniere weltweit mit einem Tecnifibre-Turnierball gespielt werden. Zum anderen entwickle sich der Saitenspezialist zunehmend zum Tenniskomplettanbieter inklusive Freizeit- und Turnierrackets sowie Taschen und Bälle.

Prince: eigener Vertrieb tut gut

Vor eineinhalb Jahren endete die Vertriebszusammenarbeit zwischen Prince und der Van Megen-Gruppe. Diese „Strukturänderung weg vom Distributeur hin zum eigenen Vertrieb“ habe dem Schlägerspezialisten gut getan, sagt Marketingmanager Fabian. Verkauf, Marktpräsenz und die Wahrnehmung beim Kunden hätten sich in den zurückliegenden 18 Monaten stark verbessert. „Prince hat eine lange Historie im Tennis und sollte schnellstmöglich eine entsprechende Rolle im deutschen Tennismarkt einnehmen“, formuliert er die Ziele. Der Schuhmarkt, in den Prince Mitte 2011 eingestiegen ist, stelle dabei einen Wachstumsbereich dar; die Kollektion werde nach und nach erweitert und etabliert. Mitbewerber Yonex will sich derweil bei den Rackets auf Rang 4 hinter den drei Großen ­(Babolat, Wilson, Head) in Position bringen.

Große Erwartungen für Textil

Head konnte seine Anteile im deutschen Racketmarkt laut Marcus Trute, Verkaufs- und Marketingleiter Racquetsport, in den zurückliegenden drei, vier Jahren „deutlich ausbauen“. „Die Marke hat sich 2011 mit mehr als 30 Prozent Anteil am Gesamtumsatz auf Platz 2 positionieren können und das angestrebte Ziel, Rang 1 zu erreichen, ist in greifbare Nähe gerückt“, analysiert Trute. Gleichzeitig sieht er vor allem für die Tennisbekleidung von Head große Chancen. „Für diese Saison erwarten wir gegenüber 2011 mit Textil eine Umsatzsteigerung von rund 40 Prozent“, prognostiziert er.

Dunlop hat sich für 2013 vorgenommen, wieder zum Tennisvollsortimenter zu werden. Die Kategorie Schuhe bedient Dunlop daher ab dem kommenden Frühjahr mit der Distributionsmarke Diadora. „Alle Tennismarken werden sich noch intensiver bemühen, den Endverbraucher davon zu überzeugen, seine Komplettausstattung bestehend aus Racket, Bällen, Bekleidung, Schuhen, Taschen und Zubehör von einem Anbieter zu erwerben“, beschreibt Frank Binder, Dunlop, das Ziel vieler Hersteller, sich als Multisegmentmarke zu etablieren.