Handschuhe: Handel muss Fingerspitzengefühl beweisen


Wie wichtig unsere Hände jeden Tag für uns sind, muss man nicht betonen. Umso wichtiger ist es, sie bei sportlichen Aktivitäten zu schützen. Mit welchen Finessen Handschuhhersteller in diesem Jahr den Markt mit ihren Produkten erobern wollen, lesen Sie bitte hier

Handschuh und Schuh spielen im Wintersport eine zentrale Rolle. Mit kalten, nassen Fingern oder Füßen ist das Skifahren kein Vergnügen“, bringt es Leki-Marketingleiterin Heidi Kreusel auf den Punkt. Und deswegen will das Unternehmen in der kommenden Kollektion den „perfekten Handschuh mit sinnvollen Features und Zusatznutzen“ auf den Markt bringen. Dieser besteht aus leichten, geschmeidigen und wärmenden Materialien wie etwa Primaloft. Unter Zusatznutzen versteht Leki dabei zum Beispiel die Funktion, die man in der MF Touch Linie verarbeitet hat: Daumen und Zeigefinger sind aus einem speziell entwickeltem Stoff gefertigt, so dass der Ski- respektive Snowboardfahrer problemlos das Touchscreen seines Smartphones bedienen kann. Auch Outdoor Research sieht die „Kopplung von mobilen Technologien wie Smartphones und Tablet PCs mit Handschuhen als großen Trend“.
Kreusel beobachtet zudem, dass der Fäustling mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Leki bietet das Skistock-System Trigger S auch bei dieser Handschuhart an, so dass „der Nachteil eines Fäustlings beim Ein- und Ausschlaufen entfällt“.

Hightech im Handschuh

Apropos Fäustling – er ist der wärmste Handschuh. Für alle, denen dieser aber immer noch zu kalt ist, gibt es bereits seit einigen Jahren die Möglichkeit eines beheizbaren Handschuhs. Zanier hat solch einen Handschuh bereits seit 1999 im Programm: den Heat.GTX und den Hot.GTX. Zudem gibt es seit 2010 den GPS X-Plore.XGX. „Bei uns werden Handschuhe mit Hightech tatsächlich stark nachgefragt“, bestätigt Andrea Zanier. Auch Black Diamond hat seinen Cayenne Heated Glove überarbeitet und bietet ihn in einer nun ausgereifteren Version an. Hestra präsentiert auf der Ispo seinen ersten beheizbaren Fäustling.
Outdoor Research-Vertriebsleiter Maurice ­Brenninkmeijer sieht diesen Trend zwar auch, kritisiert jedoch: „Diese Technologie ist noch nicht ausgereift. Beispielsweise kann bisher kein Modell Wärme für einen ganzen Tag Skifahren gewährleisten.“ Es müsse ein System erfunden werden, dass Energie spare, wenn die Hände warm seien, und das Energie spende, wenn die Hände auskühlten. „Es fehlt eine Technologie, die acht bis zwölf Stunden Leistung bringt, ohne zwischenzeitlich aufgeladen werden zu müssen“, sagt Brenninkmeijer. Ansonsten verarbeitet Outdoor Research in seinen 2012er-Herrenhandschuhmodellen vermehrt „modische Polsterungen, farbige ­Lederakzente und Motocross-Styles mit ­Hybrid-Kevlar-Materialien.“
Bei den Damen wird es bunter, verrät Vertriebsleiter Brenninkmeijer, Struktur und Beschaffenheit gewönnen an Bedeutung, der Endkunde verlange zunehmend nach modischer Optik.

Modische Akzente

Bei Leki wird es neben dem klassischen Weiß und Schwarz („neutral und damit passend zu allen Textilien“) auffällige Farbakzente in Grün, Hellblau und Pink geben. Auch Zanier macht Pink als eine Trendfarbe aus und verarbeitet zusätzlich die Farben Orange, Braun und Limette. Andrea Zanier: „Wir haben uns hier ordentlich ins Zeug gelegt und hoffen, dass die Einkäufer sich darüber freuen.“

Handschuhspezialist Reusch präsentiert ebenso „frische Farben“, sagt Vertriebsleiter Martin Hannemann: „Händler sind zunehmend bereit, buntere Handschuhe zu präsentieren, was wir sehr begrüßen. Das hilft, eine dunkle Handschuhwand zu öffnen.“ Christian Roeckl kündigt auch frische Farben an („frisches Grün, helle Blautöne, Brombeer“); Frank Diedrich, Vertriebsleiter bei Spyder, erkennt, dass Endkunden verstärkt nach zum Outfit farblich passenden Handschuhen fragen: „Der Handschuh ist Bestandteil des Skioutfits, deswegen muss er zum Gesamtbild passen.“ Daher hat Spyder seinen Fokus unter anderem auf die farbliche ­Gestaltung seiner ­Produkte gelegt.
Black Diamond ist da etwas zurückhaltender und setzt wie Schöffel auf klassische und zeitlose Designs und gedeckte Farben, ebenso Millet: „Dezente Designsprache in der sonst überwiegend gedeckten Farbpalette ist im Hochpreissegmnet angesagt“, sagt Gerhard Mülstegen vom Millet Deutschland, „aber auch rasante Kombinationen wie etwa bei unserer neuen Couloir Cache-Linie.“

Außen hui, innen hui

Auch Material und Passform haben die Hersteller beschäftigt. So beobachtet Reusch eine „deutliche Entwicklung hin zu Softshell-Materialien, aber auch ein zunehmendes Interesse an Handschuhen mit hohem Lederanteil“, genauso wie Outdoor Research („Der Trend geht zum Leder“). Das Unternehmen verspricht „brandneue“ Softshell-Technologien. „Traditionell wurden die Themen Wasserdichtigkeit und Atmungsaktivität von Mem­bran-Inserts dominiert“, sagt Vertriebsleiter Brenninkmeijer, „Softshell-Material ermöglicht einen besseren Sitz des Handschuhs, so sind die Modelle in nasser Umgebung effektiver.“ Zanier mag den Materialmix Leder/Microfaser sehr, verarbeitet in höheren Preislagen ausschließlich Ziegenleder in Kombination mit Vier-Wege-Stretchmaterialien und einer Primaloft-Isolation. Roeckl sieht derzeit eine „Renaissance hochwertiger Naturmaterialien“, Schöffel nimmt weiterhin klassische Materialien wie Schurwolle, Fleece und Softshell – ganz nach der Devise „Hauptsache warm“.

Diversifizierung

Will man das belastete Wort „Trend“ weiter verwenden, muss bestimmt die Diversifizierung genannt werden. Immer mehr Hersteller wollen möglichst alle Sportarten mit ihren Produkten abdecken. Zumal die Ansprüche der Kunden an Optik, Funktion, Schnitt und Material immer höher werden. Hestras Ziel ist es, dass möglichst viele Menschen möglichst viele Handschuhe für viele Gelegenheiten daheim haben – wie es bei den Schweden im Heimatland üblich sei.

Preise steigen

Alles in allem müssen sich Kunden, egal ob Handel oder Endverbraucher, auf höhere Preise einstellen. Hestra muss den Preis seines Klassikers, den Army Leather, erhöhen, ebenso Black Diamond („Rohmaterial und Arbeitskosten steigen kontinuierlich“) und Outdoor Research („typische Folge inflationärer Trends“) – wie sicherlich noch viele weitere Unternehmen. Glaubt man den Einschätzungen etwa von Reusch und Spyder, wird dies aber kein großes Problem darstellen: Kunden seien bereit, für gute Qualität mehr Geld auszugeben. Ansonsten legen die Marken selbstverständlich Wert auf ein gutes und faires Preis-Leistungsverhältnis.

Der Handel braucht zum erfolgreichen Verkauf von Handschuhen ein gewisses Fingerspitzengefühl. Was will der Kunde? Welcher Handschuh passt zu ihm? Alles in allem sieht Leki „häufig Verbesserungsbedarf in Präsentation und Verkaufsargumentation.“ Reusch sieht in einer professionellen, persönlichen Beratung zunehmend den Schlüssel zum Verkaufserfolg, deshalb ist dem Unternehmen geschultes Personal im Handel besonders wichtig. Zumal Kunden zunehmend informierter das Sportfachgeschäft betreten.
Daneben gilt es, diesen Artikel richtig zu platzieren. Spyder schlägt eine Zweitplatzierung an den passenden Outfits und in der Handschuhecke vor. Andrea Zanier sieht den Handschuh am PoS „ein bisschen zwischen den Stühlen: zwischen Schütte und Beratung.“ Grundsätzlich sieht sie bei allen Handschuhen Beratungsbedarf, nicht nur bei einzelnen Hightech-Modellen. Genau wie Hestra: Das ­­Unternehmen sucht sich die Händler selbst aus. Bengt Ole Tallbom, Geschäftsführer der Hestra Handschuhe GmbH, will damit unkompetente oder fehlende Beratung verhindern. Egal, wie zufrieden Marken mit dem Handel sind – die Zukunft des Winterhandschuhs ist gesichert. Denn kalte Hände wird es immer geben.